5,0 von 5 Sternen
Geniale Charakterstudie
Sensibel und fesselnd
5,0 von 5 Sternen
"Nehmt mich mit!“
„Carson McCullers erkundete das menschliche Herz“, schrieb einst Tennessee Williams. In ihrem Roman „Frankie“ erkundete sie die Gefühlswelt einer Zwölfjährigen. Die frühreife Frankie langweilt sich daheim. Meist ist sie allein, sie hat keine Freunde - sie gehört einfach zu niemandem. Ihre einzige Abwechslung ist das Herumlungern in der Stadt.
Die Mutter ist bei ihrer Geburt gestorben, so lebt Frankie bei ihrem Vater, der Juwelier und Uhrmacher in einer verschlafenen Kleinstadt im Südstaat Georgia ist. Ihre einzige Kontaktperson ist die schwarze Köchin Berenice. Ihr Bruder Jarvis ist im Krieg - seit zwei Jahren in Alaska stationiert, denn wir schreiben das Jahr 1943.
Da will Jarvis für wenige Tage nach Hause zurückkehren - er hat eine Braut, die hübsche Janice, gefunden und die beiden wollen heiraten. Die Hochzeit ist in Winter Hill geplant. Frankie und ihr Vater sollen auch dorthin kommen. Frankie freut sich so sehr darauf, dass sie schon vorher ihren Koffer packt. Das wäre für sie der willkommene Anlass, das verhasste Provinznest zu verlassen.
Frankie möchte wie Jarvis und Janice sein, daher gibt sie sich den Namen „F. Jasmine“. Sie beschließt, nach der Hochzeit nicht wieder mit dem Vater in ihre Stadt zurückzukehren. Sie ist von der Idee besessen, dass sie dann zur Welt der Erwachsenen gehört. Ihre Gefühle sind ein geheimnisvolles Zusammenspiel von Wirklichkeit und Einbildung.
Und dann die Hochzeit, die für die Halbwüchsige wie ein Traum vorbeigeht. Die Feier ist für sie eine fremde Welt … doch dieser Traum endet mit einer großen Ernüchterung: das Brautpaar reist ohne Frankie ab, die ihnen verzweifelt nachruft: „Nehmt mich mit, nehmt mich mit!“
Eindrucksvoll gestaltet Carson McCullers in „Frankie“ die Einsamkeit und die Sehnsucht einer Pubertierenden. Der Roman erschien 1946 unter dem Originaltitel „The Member of the Wedding“. In deutscher Sprache wurde er 1951 unter dem Titel „Das Mädchen Frankie“ erstmals veröffentlicht. Im Diogenes Verlag erschien er 1965 unter dem Titel „Frankie“ und diese Übersetzung wurde für die vorliegende Neuausgabe noch einmal überarbeitet.
Manfred Orlick
5,0 von 5 Sternen
Autobiografische Reise in den Süden der USA - einfühlsam und mitreißend
Frankies Kindheit ist im Moment das Langweiligste, was dem aufgeweckten Mädchen passieren kann. Die unerträgliche Hitze des Tages im tiefen Süden der USA wird nicht gerade dadurch versüßt, dass die Zwölfjährige mit ihrem halb so alten Cousin John Henry und der Köchin Bernice 'Bridge zu dritt' spielt. Die anderen Mädchen des Ortes meiden Frankie. Denn Frankie ist anders'
Doch in wenigen Tagen bietet sich für sie die Möglichkeit zum Ausbruch. Ihr Bruder Jarvis heiratet im entfernten Winter Hill seine Verlobte Janice. Frankie ist ein bisschen neidisch auf ihren großen Bruder. Denn er hat schon geschafft wovon sie nur träumen kann: Er ist raus aus der Enge der Stadt. Frankie will das auch. Jarvis und Janice ' das Paar ist Frankies Ticket in die Freiheit des Geistes. Ihre Namen beginnen beide mit J-A. Und so legt sich Frankie den Namen F. Jasmine zu. Jetzt gehört sie endlich dazu. Die gehört zu einer Gemeinschaft ' sie ist nicht mehr allein.
Doch auch F. Jasmine wird immer noch von Einsamkeit erhascht. Die Hochzeit scheint aber in nicht mehr allzu ferner Zukunft. Der Drang auszubrechen ist nicht minder vorhanden, doch nimmt er mehr und mehr Gestalt an. Das zu groß geratene Mädchen, das doch so gerne zu irgendetwas, zu irgendeinem Klub gehören möchte, flüchtet sich im Körper des Alter Egos F. Jasmine Addams in seine eigene Welt.
Als auch diese Welt zu klein wird, transformiert F. Jasmine zu Frances. Ein erwachsener Name, ohne das verniedlichende 'ie' am Ende. Die Welt gerät in Bewegung. Und doch ist Frances noch lange nicht am Ende ihres Weges.
Nach Carson McCullers Erstlingsroman 'Das Herz ist ein einsamer Jäger' ist 'Frankie' der dritte Roman der Schriftstellerin. Auch hier kündigt sich ab der ersten Zeile schon an, was Fans in aller Welt schon längst wissen: Hier kommt eine gewaltige Sprachexplosion auf sie zu! Scheinbar mühelos zieht sie den Leser in ihren Bann und vermittelt ein präzises Abbild der Realität. Die Heldin ist zwiegespalten in ihrem Handeln und Tun. Einerseits bietet ihr die heimische Umgebung Halt und Geborgenheit, andererseits engt diese Geborgenheit sie unheimlich ein. Das weite Land ist ihr gerade genug, um den Tag zu überstehen. Die geistige Einöde lässt in ihr den Wunsch keimen und das Verlangen erhärten, es später einmal weiter weg zu versuchen. Versuchen den eigenen Horizont zu erreichen. Der jugendliche Übermut Bäume ausreißen zu können, personalisiert sich in der Figur Frankie.
Es gibt wohl nur wenige Bücher auf der Welt, die man unbedingt im Bücherschrank stehen haben muss. 'Tom Sawyer' oder 'Moby Dick' gehören sicherlich dazu. Carson McCullers Werk gehört in seiner Gesamtheit auf alle Fälle dazu. Nie wurde Sehnsucht so klar dargestellt wie in 'Frankie'.
5,0 von 5 Sternen
Daheim und anderenorst
Es gibt Romane, die besitzen Charme. Carson McCullers Frankie ist von Sehnsucht, erster Auflehnung geprägt und besitzt jene Anmut der Sprache, mit deren Hilfe ein Leser der Geschichte einer Heranwachsenden leicht verfällt. Es gilt, Klippen zu umschiffen, mehr noch in Frabnkie selbst als außerhalb von ihr. Ein Roman, der zweimal gelesen nichts von seinem Reiz verliert. In Frankie findet man all die Widersprüche, Ausbruchversuche, denen der Leser selbst zu seiner Zeit unterlegen war. Warum sich abfinden? Warum nicht mehr vom Leben erwarten? Der Leser wird parteiisch, will dass Frankie obsiegt, dass sie all das abstreift, was sie hemmt. Dazu gehören zu wollen, während man sich ausgesperrt fühlt, ist eines der großen Themen der Literatur. Carson McCullers findet die Worte, die Bilder dafür. Zu Reisen, erscheint gegen Ende des Romans, die Lösung zu sein. Und sei es auch nur nach Luxemburg. Nur weit weg von dem Ort, der einen an sich bindet. Dass Fernweh heilt das Gefühl, keinem Club angehörig zu sein, weil Frankie der Kindheit entwachsen ist. Carson McCullers schenkt ihrer wenigstens eine literarische Heimat.