Lachen am Rande des Todes.
"Wunsch, Wille, Handlung: real oder in seiner Phantasie scheint unbegrenzt. Nur dort wo Wille ist, ist Urheberschaft, ist Ich. Da wo eigene Entscheidung ist, ist eigener Wille, wo Manipulation die Entscheidung scheinbar als eigene girlandet, wird man in der Nachträglichkeit des Überlegens zum "Lakai eines fremden Gedankens", wie Dostojewski es treffend formulierte. Und doch sind wir Menschen aus dem Kontext der Kernfamilie gebunden an Regeln und Vorstellungen, an Gedanken und moralischen Werten. Diese Familie ist wie eine "sanfte Sekte", deren Gedankengut wir in Übereinstimmung oder in kritischer Distanz überblicken und vielleicht in einigen Provinzen des Denkens zur Freiheit verhelfen".
Dieses schrieb ich als Rezension zu Bieries "Das Handwerk der Freiheit". Schulz sieht in primärer Form Kleist als Preußen. Das ist seine familiäre Sekte, deren Voraussetzungen er als seine zukünftigen glaubte, der er diente als Offizier. Und doch zeigte er sich als rätselhafter Einzelgänger, deren Ursachen Schulz ganz zu Beginn bereits an dem interessanten Obduktionsbericht festmachte. Tod sei willkommener als Leiden, zu erkennen glaubte man auf Grund mancher medizinischer Besonderheiten, dass Kleist an "harten hypochondrischen Anfällen" gelitten haben müsse.
Kleist (1777-1811) ist Begleiter in einer vor-romantischen Welt der beiden Superstars Goethe und Schiller. Mit der strengen preußischen Erziehung lernt er die jungen Philosophen der Zeit kennen und mit Fichte gedankliche Gegensätze und romantische Perspektiven lieben, wie seine Bestimmung des Ichs im Vergleich zur äußeren preußischen Welt. Schulz zeigt deutlich, dass dieses Erlebnis Kleists, gleichzuziehen und doch nur in der zweiten Reihe zu stehen, Anlass gab zur Spekulationen, doch zieht er es konsequent vor, den Dichter in seiner Zeit zu betrachten. Dieses erhöht deutlich die objektive Sichtweise in einem historischen und sicher auch sozialpolitischen Porträt der Zeit. So wird deutlich, dass neben Fichte und Schellings Philosophie des Ichs auch die Verachtung zum Militär den jungen Kleist auf eine andere Denkrichtung brachte und er sich reflektierender gegenüber seiner eigenen Geschichte zeigte. Auch wenn Schulz der Meinung ist, dass Kleists Leben und seine Werke keine Verbindung hätten, zeugen doch gerade diese Werke von einer interessanten Gegensätzlichkeit, die auch er in sich trug. "Küsse und Bisse" werden zu Einerlei in der Liebe, wie er uns in "Penthesilea" (siehe Rezension kpoac) zeigt und doch weiß er am Ende das Drama der vorgestellten Gleichheit zu zeigen. Den jungen "Prinzen von Homburg" lässt er geradezu winseln, während er sich auch nicht ohne alle Gefühlsleben durchleben zu müssen, mit der Tradition des Hauses Kleist brach und sich gegen das Militär wendete.
Kleist war ein Tänzer auf dem Hochseil, die unterschiedlichen Welten zu jeder Seite, suchte er trotz und wegen aller Eskapaden seinen sicheren und anerkannten Platz in der Gesellschaft. Er konnte ihn nicht finden, da er die Anerkennung, die er bekam, niemals als ausreichend empfand. Stefan Zweig und Rüdiger Safranski (siehe jeweilige Rezensionen kpoac) haben über das Dämonische und die Wahrheit am Beispiel Kleist referiert. Kleists maßloses Leben zeugt von einem Menschen, den das Dämonische treibt, so wie zuvor die Sekte Familie ihn in den Kerker der Konventionen sperrte. Diesem musste er im Zuge der Selbstfindung entrinnen und doch war ihm klar, dass sein Weg in keine gute Zukunft führte. Denn wo Penthesilea sie selbst ist, will sie nichts anderes sein, außer tot. "Staub lieber, als Weib sein, das nicht reizt", zeigt ihre Bestimmung bei Kleist und vielleicht auch seine. Und diese Bestimmung gipfelt in der Aussage: "Verflucht das Herz, das sich nicht mäßigen kann". Hier findet Kleist sich in einer Selbstaussage, scheint mir im Gegensatz zu Schulz. Wie im Kohlhaas reibt Kleist sein Leben zwischen und hinter den Mauern der Konventionen und versucht letztlich verzweifelt, sein Inneres mit dem Äußeren zu versöhnen. Seine Flucht aus der Beziehung zu seiner Braut, gebettet in dem "Schleiher des Geheimnisses", war nicht mehr als ein Schutz vor den "Verbindlichkeiten der Realität", wie Schulz sicherlich richtig konstatiert.
Diese Realität, Geldmangel bei anhaltender Erfolglosigkeit, unbeachtet eines Goethes, holte ihn ein. Schulz stellt mit Kleist fest, dass ihm "auf Erden nicht zu helfen war" und endet folgerichtig mit der Frage, wie wir uns schwierigen Menschen, die soviel Schönes und Sinniges zu bieten haben, stellen wollen. Vielleicht sind sie die Kleistschen Marionetten, die ungeerdet schweben und wie Feen, Geister oder Engel nur die Erde streifen, um eine wenig von ihrer Andersartig dort zu lassen, damit das Leben sich an diesem reibt.
"Wir befinden uns in einem sehr unbeholfenen Zustande, indem wir erschossen daliegen", so Kleist in einem Abschiedsbrief. Welch groteske Ironie, ein Lustspiel zum Lachen am Rande des Todes.