Auto-Psychoanalyse par excellence
Der Buchtitel könnte treffender nicht sein: Ein Apocalyptiker, der in Unschlüssigkeit und Selbstmitleid zerfließend, kleinste Beobachtungen in seinem Lebensumfeld zum Anlass nimmt, phrasenartig und dialektisch über das Für und Wider derselben nachzudenken. Dabei fesseln weniger die triviale Handlung im Buch, als die humorvolle Selbstironie der Hauptfigur: "Warum brauche ich gar keine wirkliche Not, um mich fast immer in Not zu befinden?" Wilhelm Genazino belegt, dass tiefe Melancholie witzig sein kann, beispielsweise wenn er "Proseminare über die sonderbare Verschwisterung des Mitleids mit dem Selbstmitleid" plant oder wenn er belustigend feststellt, dass man im Sommer (z.B. mit Grilldüften von Mietwohnungsbalkonen) viel stärker vergesellschaftet wird als im Winter. 3 Punkte für die Handlung, 4 Punkte für die sprachliche Brillanz.
die Absurdität des karussellfahrenden Kopfkinos ...
... so könnte man dieses Buch unter-betiteln. Da versucht ein Mittfünfziger für sich zu postulieren, wie reich er ist, denn er hat Geld, er hat zwei Frauen und das stimmt ihn glücklich. Doch plötzlich keimt die Idee auf, dass er sich von einer seiner Frauen trennen will, ja, trennen muss. Nun beginnt sein Kopfkino. Welche der beiden Frauen ist die Richtige, welche soll er verlassen, auf einmal bedrückt ihn diese Frage und sie zieht ihn ganz hinab in eine gnadenlose Melancholie. Man möchte ihm zurufen, warum tust du das, siehst du denn nicht, dass du deinen eigenen Schaden selbst inszeniert hast? Am Ende sieht er's und man ist befreit. Man kann auflachen und gleichzeitig erschrocken innehalten: sind nicht alle Probleme auf dieselbe Art selbstgemacht und drehen wir uns nicht endlich, wie der Protagonist auch, mit ihnen im Kreis? -- Eins der wenigen Bücher, die ich angefangen und bis zur letzten Seite verschlungen habe. Genial, nachdenklich, philosophisch und wunderschön geschrieben.
Lakonisches Herumstehen in der öffentlichen Belanglosigkeit
Der Ich-Erzähler, ein von Krampfadern geplagter, freischaffender Apokalyptiker, ist Anfang Fünfzig, lebt in einer Stadt am Rhein. Seiner Lebensphilosophie gemäß (»Ich kann die dauerhafte Liebe zu zwei Frauen nur empfehlen«) lebt er in »Polygamie in drei Wohnungen« mit der 42jährigen unkomplizierten Chefsekretärin einer Firma für Sanitärbedarf Sandra und der 51jährigen, mehr oder weniger gescheiterten Konzertpianistin Judith zusammen. Die Frauen wissen, natürlich, nichts voneinander.
Doch die grauenhafte Vorstellung, dass »ich vielleicht demnächst in einem Krankenhaus liege und gleichzeitig von den beiden Frauen besucht werde« »muß unbedingt verhindert beziehungsweise ausgeschlossen werden: indem ich mich von einer der beiden Frauen trenne«. Diese scheinbar einzig mögliche, aber nicht einfache Lösungsmöglichkeit des lebensimmanenten Problems beschäftigt den Erzähler unverdrossen.
Schnell werden wir auf weitere fundamentale Fragestellungen des Protagonisten gestoßen: »Wieder tritt die Frage an mich heran, ob ich mich für das, was um mich herum geschieht, interessieren soll oder nicht.« Skurrile Begegnungen der Hauptperson mit der Nachbarin Frau Schlesinger, dem 'Postfeind' Bausback, dem 'Ekelreferenten' Dr. Blaul, dem 'Panik-Berater' Dr. Ostwald oder dem Künstler Morgenthaler verblassen beim Erzähler fast spurenlos.
Auf dem Weg zu einem Seminar in Interlaken (wo könnte das Seminar sonst stattfinden?) hat sich der Ich-Erzähler im »tiefsten Innern« für Sandra entschieden, aufgrund der »Altersicherung unserer Sexualität«. Das Seminar wird ein voller Erfolg, selbst eine wandernde Rentnergruppe aus Saarbrücken entschließt sich zur spontanen Teilnahme. »Ich bin in hervorragend apokalyptischer Stimmung und schleudere mustergültig gehaltvolle Sätze in den Konferenzraum.«
Ja, Genazino versteht es meisterhaft, seine nur scheinbar trivialen Beobachtungen und Beschreibungen der Menschen, ihrer Erinnerungen, ihrer Empfindungen, ihrer Begegnungen in absolut passende oder kreativ entworfene Worte zu kleiden. Er beherrscht die feine (Selbst-)Ironie, beschreibt eine wunderbar heitere Melancholie, betrachtet die Personen in ihrer vitalen Unbeweglichkeit treffend lakonisch, beeindruckt mit eigenwilligen Perspektiven des Alltäglichkeiten, des fast surreal Banalen, der menschlichen Kompliziertheiten und Verschrobenheiten. Genazino erzählt so überzeugend beiläufig von den Verrenkungen und körperlichen Gebrechen beim Beischlaf, dass man sich trotz des lebensängstlichen und schlaffen Helden ein Lächeln nicht verkneifen kann. Rein philosophisch betrachtet natürlich.
Ein Glücksfall für die deutsche Literatur
Wilhelm Genazino, 1943 in Mannheim geboren, polarisiert, wie man aus den Rezensionen leicht ersehen kann. Die eine Hälfte findet ihn öd und sinnlos, die andere Hälfte attestiert ihm den besonderen und wahrhaftigen Blick auf die Tücken von Liebe und Leben. Ich gehöre der zweiten Gruppe an. Genazino, immerhin Büchner- und Kleist-Preisträger, lässt nichts aus: Liebe, Leben, Sexualität und Scheitern. Und das mit einem Ton und Sprachwitz, der ein Glücksfall in der ach so grabesschweren Übermacht der triefend ernsten deutschen Literatur darstellt. Genazino bringt das Kunststück fertig, ganz schwerwiegende Dinge und Vorkommnisse des Lebens ganz locker und leicht von sich zu geben, ohne platt und seicht zu sein. Das gilt selbst für das hier im Buch so zentrale Thema der Sexualität. - Genazino, zunächst Redakteur bei der Satirezeitschrift "Pardon", fand sich schnell einmal als freischaffender Schriftsteller wieder und bewegt sich seither mit Ironie, Melancholie und partieller Autobiographie übers Papier, das Durcheinander des Lebens "im gedehnten Blick" spiegelnd, inzwischen auch medizinisch, im Präsens und der Ich-Form. Genazino ist in der Darstellung der Bedeutungslosigkeit des modernen und einsamen Menschen (in der Grossstadt) grundehrlich und erschreckend spiegelbildlich. Vielleicht mit ein Grund, warum ihn vorwärts- und zielorientierte Leser beim Innehalten und Betrachten der Mittelmässigkeit so abscheulich (banal) finden. Wahrscheinlich steckt da auch eine gehörige Portion Angst vor dem Stillstand dahinter. Ich jedenfalls, habe mich keine Minute gelangweilt mit dem freiberuflichen Apokalyptiker, der unerkannt, aber nicht weniger leidend, zwischen einer geistig regen Klavier- und Nachhilfelehrerin und einer, eher sinnlich orientierten Chefsekretärin hin und her pendelt. Genazino ist, wie Joyce und Proust, ein intelligenter Beobachter, und ich hoffe, dass er noch manchen flüchtigen Moment in Kleinode verwandelt.
mehr Ergebnisse anzeigen