"Pazifik Exil" ist ein wunderbarer historischer Roman, Michael Lentz bedient sich eines großartigen Stils und bearbeitet ein spannendes Thema. Leseempfehlung! Fünf Sterne.
Eins von den Büchern, die ich ein zweites Mal lesen werde.
Dr. Jan Fillet
Hier werden Sitzplätze in den Köpfen von Thomas und Heinrich Mann, Bert Brecht und Arnold Schönberg angeboten. Fast so, wie im Film "Being John Malkovich". Oft sehr interessant, oft ein wenig zu lang. Hundert Seiten raus und das Buch würde gewinnen. Bei den versponnenen Pro- und Epilogen vergaloppiert sich erst der Autor, als Leser folgt man gezwungenermassen.
Wer nicht zumindest die herrvorragende Mann-Serie von Heinrich Breloer gesehen oder ein germanistisches Seminar zum Thema Exilliteratur besucht hat, hängt oft ein wenig ratlos in der Luft. Und wird vom Autor auch dort hängen gelassen. Sprachlich oft schön, aber noch öfter Richtung Nirvana unterwegs.
Jedes Jahr wird zunächst eine longlist mit den Büchern erstellt die für den Deutschen Buchpreis in die nähere Auswahl kommen. Dieses Jahr gehörte auch das Buch "Pazifik Exil" dazu. Damit hat die Jury sich ein avantgardistisches Feigenblatt geschaffen und damit dokumentiert, dass sie nicht nur "normal" erzählte Bücher liest, sondern eben auch etwas "Gewagtes". Michael Lentz ist ein "Radikalpoet", bekannt geworden mit einer zweibändigen Studie über Lautpoesie, einer Abhandlung darüber, wie man Sprache zum Klingen bringen kann.
Das macht er auch hier im "Pazifik-Exil". In einem relativ konventionellen Stil schreibt er über das Leben deutscher Autoren, die während des Zweiten Weltkriegs und während der Herrschaft der Nationalsozialisten ins Exil vertreiben oder geflüchtet sind. An der amerikanischen Pazifikküste haben sie sich getroffen, sind aber nie ganz heimisch geworden. Sie waren Kulturarrogant, weil sie glaubten das bessere Deutschland in sich zu tragen.
Thomas Mann beschäftigt sich mit Pelikanen, ein anderes Mal wimmelt er einen Reporter ab; Heinrich Mann überquert die unwegsamen Pyrenäen; Brecht nimmt in einem Gedicht Abschied von einer ihm nahe stehenden Mitarbeiterin; Arnold Schönberg bedauert den Verlust eines Möbelstücks, das er eigentlich schon lange zurückbekommne hat. Es sind extrem witzige Szenen dieser "Exildichter" die alle sehr detailliert beschrieben werden.
Was der Autor aber auch gemacht hat, und das ist ausgesprochen mutig, er zeigt das heute die dichterische Sprache in den Verlagsprogrammen im "Exil" ist, denn sie wird all zu häufig in kleine Lyrikbände verbannt. Was macht Lentz? Er setzt ein erstes Kapitel des Buches in einer kraftvollen Darstellung, vehement verdichtet, fast unverständlich den dann später flüssig erzählten Geschichten voran. Diese Vorgehensweise ist sowohl als Mut sowie als Tat großartig anzusehen. Indem er nämlich diese ins Exil verbannte Sprache an den Anfang des Romans setzt und damit das Risiko eingeht keinen großen Abverkaufserfolg zu haben. Trotzdem hat es das Buch schnell auf Platz vier der SWR - Bestenliste Oktober 2007 geschafft.
Dieses Buch sollte man sich nicht entgehen lassen, weil es in der deutschen Literatur unserer Tage hohen Seltenheitswert hat.
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