Szenen einer Ehe am anderen Ende der Welt
In diesem Buch plätschert alles so gemächlich vor sich hin. Seitenweise erzählt der Autor von den Kleinigkeiten, die einem im Leben so widerfahren können, über viele, viele Kapitel passiert nicht wirklich etwas Wichtiges oder Großartiges in diesem Buch. Erzählt wird einfach das Leben eines zunächst noch sehr jungen, später dann mittelalten Ehepaars, das keine Kinder bekommen kann und durch diese Erfahrung in trudelndes Wasser zu geraten droht.
Die Sprache des Buches ist gut; es liest sich angenehm - manchmal vielleicht zu sehr ausufernd. Im letzten Drittel passiert mir persönlich jedoch zuviel Ungereimtes - da vermischen sich für mich Fiktion und Realität zu sehr, da kommt es für meinen Geschmack auch zu sehr vielen unrealistischen Begegnungen, und ich ertappte mich mehrmals bei dem Gedanken: "Ist das jetzt alles wahr, oder verlieren die Protagonisten alle langsam den Verstand?" Unwahrscheinlich finde ich z. B. auch die Tatsache, dass es in der Gegend Tasmaniens, in dem das Ehepaar Dove lebt, immer nur eben das Ehepaar Dove zu geben scheint, das die wesentlichen Dinge zu regeln vermag - irgendwie scheinen da öffentliche Verwaltungen, Polizei oder Feuerwehr nicht zu funktionieren, denn für alles und für jede Katastrophe, die passiert, muss das sturmerprobte Ehepaar ran: Sie sind in der Pflicht, wenn es darum geht, Schiffbrüchige zu retten. weil sie irgendwie die einzigen sind, die das können - die Polizei oder Seerettung hat nämlich nicht das passende Schiff dafür. Aha! Sie sind auch dafür zuständig, sozial verwahrloste Jugendliche einfach mal eben so bei sich aufzunehmen, weil das Jugendamt oder irgendwelche Sozialarbeiter grade keine Lust oder Urlaub haben - na klar, das macht unser wackeres Ehepaar natürlich auch ohne entsprechende Ausbildung oder Vorkenntnisse. Über solchen Unsinn wundere ich mich ein wenig - es stört mich, dass sich alles so auf die beiden Eheleute kapriziert. Dadurch bekommt das Buch einerseits etwas Kammerspielartiges - die Außenwelt existiert quasi gar nicht - andererseits nehmen eben dadurch manche Erzählstränge auch sehr bizarre, unrealistische Züge an. Gegen Ende hin wird mir das alles dann wirklich viel zu öde - irgendwie wartet man während des Lesens immer auf "etwas Großes", und das passiert einfach nicht. Im Gegenteil: Der Roman startet wesentlich besser, als er endet. Gegen Ende versandet nämlich auch die gute Sprache, es gibt hier und da ein kleines Happy End, und man fragt sich alles in allem, was der Autor in seinem Mammutwerk denn nun eigentlich erzählen wollte: Das Psychogramm einer Ehe? Die langsame Entstehung der Liebe? Ein bissel Spannung? - Irgendwie ist es von allem nichts geworden, und man schlägt das Buch nach der letzten Seite zu und denkt sich: Komisch, jetzt hab ich so lange Zeit mit dieser Geschichte verbracht - und trotzdem hat sie so gar keine Saite in mir zum Klingen gebracht. Das Buch ist - trotz manch schöner Formulierung: Zeitverschwendung.
Das Buch ist in der Presse gelobt worden, was natürlich erst mal neugierig gemacht hat. Von Tasmanien hat man auch noch nicht viel gelesen. Aber dann... die Handlung zieht sich zäh wie Kaugummi dahin, die sprachliche Präsentation ist auch nicht wirklich eine Offenbarung. Das ganze Buch wirkt sehr handwerklich konstruiert, frei nach dem Motto: das kleine Einmaleins des Epos aus dem Creative-writing-Kurs durchdekliniert. Mir bringt es immer wenig, inhaltliche Zusammenfassungen in den Rezensionen zu lesen, was am Ende zählt, ist der Aspekt, ob mich ein Buch emotional packt oder nicht. Ob man am nächsten Morgen aufwacht und wissen will, wie es weitergeht. Das ist hier letztendlich nicht der Fall, mag das Buch auch sonst so sorgfältig geschrieben sein. Die Figuren bleiben blass und wecken keine Empathie, und die ganze Geschichte keine Suggestionskraft. Dieses Buch wird auf dem Flohmarktverkauf der örtlichen Bücherei landen, und ich werde mich spannenderen, authentischeren Büchern zuwenden.
Ohnehin ist es schon vermessen, im Titel an "der Sturm" von William Shakespeare zu erinnern, bloß weil man so ähnlich heißt. Das Buch ist eine kitschige unglaubwürdige Darstellung einer Familiensage im besten Stil von Johannes Mario Simmel, nur diesmal auf Australisch. Es nicht gelesen zu haben würde eine Menge Zeit sparen für bessere Bücher.
Nicholas Shakespeare neuer Roman spielt in einem fiktiven Ort an der Küste Tasmaniens. Alex' Eltern sterben bei einem Autounfall als er elf Jahre alt ist; Merridys Bruder ist spurlos verschwunden. Alex und Merridy fühlen sich voneinander angezogen, verlieben sich, heiraten. Erfolglos versuchen sie ein Kind zu bekommen. Die Verletzungen, die diese Verluste und die Unfähigkeit ein Kind zu bekommen, ihnen zufügen verdrängen sie unter eine Decke der Sprachlosigkeit. Zuletzt bricht das Schicksal mit der Macht einer Naturgewalt in das fragile Gefüge ihrer Ehe ein. Während eines Jahrhundertsturms kentert vor der Küste ein Schiff und unter Einsatz ihres Lebens retten Alex und Merridy den jungen Kish aus den Wellen. Er ist der verlorene Bruder, er ist das ersehnte Kind und er ist wahrscheinlich ein Mörder.
"Sturm" ist ein konventioneller, sorgfältig konzipierter Roman in ernstem Ton. An seinen guten Stellen lebt er von der stimmungsvollen Beschreibung des Meeres, der Natur und des Lebens in einer kleinen Hafenstadt sowie von der dezenten Figurenzeichnung. Shakespeare beschreibt in eleganter, zurückhaltender Sprache das Verhältnis von Alex und Merridy. Verbunden durch traumatische Verluste in ihrer Jugend, erkennen sie im Anderen sich selbst und ihre Angst allein gelassen zu werden. Aber zugleich führt Shakespeare vor, wie das Verbot, über diese Dinge zu sprechen, die beiden nach und nach voneinander entfremdet.
Die unauffällige, scheinbar oberflächliche Sprache bildet die Sprachlosigkeit zwischen Alex und Merridy ab. Durchbrochen wird sie in den wenigen stürmischen Passagen, in denen verdrängte Ängste und Leidenschaften an die Oberfläche drängen. Leider gleitet Shakespeare an diesen Stellen oft in schiefes Pathos ab: "Wilde Flammen, das waren ihre Lippen und Hände, aber ihr Herz blieb dunkel." - Uff!
Vor allem merkt man Shakespeares neuem Roman an, dass der Autor sehr viel Zeit und Sorgfalt in die Ausarbeitung seiner Figuren, Handlungsstränge und Motive investiert hat. Dies erweist sich schließlich als größtes Manko des Romans. Während Shakespeare sich aufreizende dreihundert Seiten Zeit lässt, die psychologische Grundkonstellation des Romans herzurichten, gewinnt man den Eindruck den Vorbereitungen zu einem sozialen Experiment beizuwohnen. Der Autor bietet ein Arsenal bedeutungsschwangerer Symbole auf, das im Verlauf der Geschichte allzu gewissenhaft verwaltet wird. Der entwurzelte Baum, der Penny in der Flasche, der Kleiderschrank, dessen Tür nicht richtig schließt: Kein Motiv, das nicht erschöpfend zu Ende geführt würde. Auch die Geschichte entwickelt sich zu glatt und vorhersehbar um wirklich zu fesseln. Zu leicht werden alle offenen Stränge in einer einzigen Nacht miteinander verbunden.
Am Ende wünscht man sich, dass die Figuren ihrem Autor Stift oder Tastatur lachend aus der Hand nehmen und einfach mal nach Herzenslust übermütig sind.
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