Der Bayerische Rundfunk übertrug die diesjährige Meistersinger Produktion aus Bayreuth. Ein Genuß für die Ohren! Leider ist dies auch mit der vorliegenden DVD der Fall. Leider nur ein Genuß für die Ohren. Das Auge schaut weg, da die Produktion von Frau Katharina Wagner wirklich abscheulich ist. Warum werden die Produktionen in Bayreuth von Jahr zu Jahr immer grausamer. Ich erinnere nur an den letztjährigen Lohengrin. Es scheint in Wagners Stadt nicht mehr möglich zu sein, eine Oper des großen Komponisten in ansprechenden Rahmen aufzuführen. Warum muß es immer eine moderne Produktion? Wenn man den Originaltext zu dem Bühnenbild vergleicht kann man nur wegschauen - es macht einfach keinen Sinn! Von dem dummen Tänzchen der großen Meister im letzten Akt möchte ich gar nicht reden. Ich wünschte, daß endlich ein Produzent nach Bayreuth kommen möge und die Opern wieder in dem entsprechenden Bühnenbild zu inszenieren. Anderenfalls wird Wagner aus Bayreuth nur noch ein Genuß für die Ohren bleiben. Frau Wagner, wenn Sie schon modern inszenieren, dann bitte auch mit modernen Text. Zum Glück muß sich Richard Wagner dieses Zeug nicht mehr ansehen.
Vom Pedanten zum Avangardisten
Die Inszenierung Katharina Wagners ist insgesamt besser als ihr Ruf. Sie versucht eine Neudeutung der Meistersinger in stark assoziativen Bildern, die sich nicht sofort erschließen, aber schon konzeptionell schlüssig sind. Man muß alles hinterfragen. Insofern wäre es wünschenswert, wenn Inszenierungen die Denkansätze in einem Erläuterungstext beilägen. Eine Nichtuntertitelung wie hier, geht gar nicht.
Das Ergebnis des Inszenierungskonzepts, die Wandlung Beckmessers vom pedantischen Reaktionär zum Avangardisten und die Stolzing-Entwicklung vom Revoluzzer zum angepaßten Mainstreamer erscheint mir jedenfalls was den ersten (Beckmesser) betrifft, entgegen jeder Lebenserfahrung. Sängerisch bewegt man sich ensemblemäßig auf mäßigem Niveau. Franz Hawlata singt einen mit Schwächen behafteten Sachs, aber das mag auch Tagesform gewesen sein. Klaus Florian Vogt als Stolzing zu schlank lyrisch , zu dünn. Eine hervorragende Leistung zeigt mal wieder Michael Volle als Beckmesser, ein glänzender Singschauspieler. Orchestral ist nichts zu beanstanden, da hier doch ein breiter Interpretationsspielraum eingeräumt werden sollte. Man sollte Katharina Wagner schon eine Chance geben und sie nicht sofort Herunterschreiben. Welcher heutige Erfolgsregisseur ist nicht umstritten. Solange man Aufmerksamkeit nur noch mit "Sensationen" erheischen kann, wird diese Tendenz fortschreiten.
Von dieser DVD gibt es erfreuliches und weniger erfreuliches zu berichten. Also schön der Reihe nach.
Musik:
Das Gesamtkonzept Sebastian Weigles ist überzeugend. Die schwierigen Verhältnisse im Bayreuther Festspielhaus meistert er souverän.
Von den Sängern können vor allem Stolzing (Klaus Florian Voigt), Beckmesser (Michael Volle) und David (Norbert Ernst) überzeugen. Sachs (Hans Hawlata) bietet eine solide Leistung, eher enttäuschend (vor allem wegen mangelnder Textverständlichkeit) dagegen Eva (Michaela Kaune).
Wem die Bilder nicht gefallen (dazu unten mehr), der kann die DVDs auch als akustische Gesamteinspielung der Meistersinger nehmen und fährt damit recht gut.
Man darf dennoch nicht vergessen, dass Bayreuther Wagner-Aufführungen seit Jahren besetzungsmäßig nur noch zweitklassig sind, da die wirklichen Wagner-Spezialisten und -Stars eine Teilnahme inzwischen auf Grund der von Wolfgang Wagner geforderten Probenbedingungen ablehnen. Das Niveau einer Aufführung an der Met oder auch an kleineren deutschen Häusern mit Wagner-Tradition (z. B. Mannheim) wird nicht erreicht.
DVD-Technik:
Dass man auch bei Opern-DVDs auf nahe liegende Dinge wie verschiedene Kamerawinkel verzichten muss ist ja leider Standard. Dieses Feature wurde damals, bei Einführung der DVD zwar angepriesen, es gibt jedoch kaum DVDs, die davon Gebrauch machen würden.
Ärgerlicher finde ich da schon, dass man auf Untertitel verzichten muss. Keiner kann mir erzählen, dass er den Text komplett versteht. Und selbst wenn, so wäre eine Übersetzung, z. B. ins Englische wünschenswert.
Sehr dämlich ist der Eröffnungs-Gag, vor Erscheinen des Menüs: "Loading Hirsch" - und dazu füllt sich ein Hirsch langsam mit Farbe. Man ahnt schon, dass das was mit der Inszenierung zu tun haben muss.
Ton- und Bildtechnik:
Die Bildtechnik ist einwandfrei, der Ton gelegentlich etwas dumpf anmutend. Auch sind die Sänger unterschiedlich laut wahrzunehmen, je nach dem, wo sie gerade agieren. Für einen Live-Mitschnitt ist das noch akzeptabel.
DVD-Extras:
Unterbrochen durch völlig unpassende Pseudo-Pop-Musik von der Qualität eines Entertainer-Keyboards sieht man recht unzusammenhängende Schnipsel aus den Vorbereitungen. Die Sänger geben Allgemeinplätze von sich wie "Das ist ein schwieriges Stück" oder "Die Figur vollzieht eine sehr interessante Entwicklung."
Interessant ist, dass Beckmesser-Darsteller Michael Volle zwischen "dem Stück" und "unserer Produktion" unterscheidet. Beides hat nämlich nicht allzuviel miteinander zu tun.
Inszenierung:
Katharina Wagners Inszenierung gehört ganz einfach zu den schlechtesten Opern-Inszenierungen, die ich je gesehen habe. Das Spektrum reicht von krasser Überzeichnung (Stolzing) bis hin zu dümmlichen Kalauern ("Knie nieder, David, und nimm diese Schell!" - und statt der vorgesehenen Ohrfeige erhält er einen Schellenkranz!) und plumpen Provokationen (onanierende Puppen).
Insbesondere Stolzing wirkt ähnlich hysterisch wie Tom Cruise auf der Couch von Oprah Winfrey - ständig rennt er kreuz und quer über die Bühne und bemalt (wohl dank seines revolutionär kreativen Geists) alle möglichen Gegenstände und Personen mit weißer Farbe. Das Ergebnis ist selbstverständlich weit davon entfernt, Kunst zu sein. Mir drängt sich ein Vergleich zu Katharina Wagner auf: Genau so wie Stolzing in ihrer Inszenierung ist sie eine talentfreie Adlige (Stolzing als Ritter, sie als Wagner-Erbin), die sich nur durch gezielte Provokation für einen Augenblick Aufmerksamkeit verschaffen kann. Nur durch ihre Familie bekommt sie die Chance, eine Oper in Bayreuth zu inszenieren - an ihrem Talent kann es mit Sicherheit nicht liegen, das hat der Urgroßvater dann doch für sich behalten. Das einzig gute, was ich an ihrer Ernennung zur Festspielleiterin sehen kann ist, dass man nicht wieder den Fehler machte und ihr wie ihrem Vater einen Vertrag auf Lebenszeit gewährte.
So torkelt das sinnfreie, überladene Spektakel - gegen Ende immer konfuser werdend - einem wohlverdienten Buh-Konzert entgegen. Nichts schöneres kann es heutzutage für eine Regietheater-Vertreterin geben, wie ich glaube.
Meistersinger live?? Mit ein paar Makeln
Ich hatte diese Aufführung damals als live-Stream via Internet verfolgt und mir nun auch die DVD dazu gekauft und habe somit eine relativ gute Vergleichsmöglichkeit.
Es handelt sich bei der vorligeneden DVD NICHT um einen live-Mitschnitt der Aufführung. Man kann sehr deutlich erkennen, daß die Videoaufnahmen in mehreren Sitzungen aufgenommen wurden (Walthers Hemd ist mal auf-, mal zugeknöpft; mal ist der Kragen unter der Jacke, mal darüber; die Farbkleckse auf Davids Jackett wechseln die Positionen). Hier hätte man auf jeden Fall besser aufpassen müssen, um die Illusion einer einzigen mitgeschnittenen Vorstellung zu schaffen.
Durch diesen Umstand, daß man eben Teile einer Probe mit eingebaut hat, ergeben sich im Vergleich zum Live-Stream auch veränderte Schnitte und Kameraführungen.
Was mich an der DVD auch noch stört ist, daß man es versäumt hat sie mit Deutschen Untertiteln auszustatten, was sehr ärgerlich ist. Bei dem Medium DVD hat man diese technische Möglichkeit und man könnte den Text nach belieben am Bildschirm mitlesen und bräuchte kein Libretto.
Ich hoffe sehr, daß man diesen Fehler bei der geplanten DVD Produktion des Marthaler Tristan nicht wiederholt.
Das DVD-Menü mit dem albernen Hirsch finde ich ziemlich kindisch und unangebracht, aber naja, darüber kann man hinweg sehen.
Wenn man mal von den oben genannten Kritikpunkten absieht ist diese Veröffentlich im großen und ganzen gelungen. Toll, daß man es nach dem Untergang von Unitel endlich mal wieder geschafft hat eine Bayreuther Inszenierung dem breiten Publikum zugänglich zu machen, und ebenfalls toll, daß dies auch mit weiteren Bayreuther Produktionen geplant ist.
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