Von der unendlich großen Liebe
Auch nach mehr als 20 Jahren hat dieser Film von Regisseur Lars von Trier nichts an Schönheit verloren. Mit Jahren wird er immer besser. Obwohl die Story nicht leicht ist, der Film mehr 2,5 Stunden dauert, muß ich ihn einfach noch einmal sehen. So geht es immer weiter. Danach brauche ich etwas "leichteres" um in der Ruhe diese Geschichte zu "erleben".Die junge Bess McNeill wohnt mit ihrer Familie oben an der schotischen Küste. Ihre Gemeinde ist klein, es herschen strenge Sitten, alles ist dem Glauben untergeordnet. Der Gott sieht alles, "sein" Pfarrer predigt von der Gehorsamm. In dieser kalvinstischen Welt dürfen Frauen in der Kirche nicht sprechen. Sie dürfen beten, putzen, arbeiten ... und still sein.Man erfährt nicht, wie Bess einen Mann "vom außerhalb" als Ehemann bekommen darf. Es ist Jan Nyman, ein Arbeiter auf der Bohrinsel. Wie seine Kollegen kommt er aus einem der skandinavischen Länder. Bess setzt sich durch, die Hochzeit jedoch wird nur geduldet. Die meisten Dorfbewohner sitzen nur herum, nur Jans Kollegen tanzen und trinken. Bess Schrägerin Dodo hält eine wunderbare Rede, in der sie über Bess' Güte, Hilfsbereitschaft und Liebe spricht. Die Schwägerin ist im Dorf nur wegen Bess geblieben, ihr Mann, Bess Bruder ist gestorben.Nach kurzer und intensiver Zeit der glücklichen Ehe muß Jan zurück auf die Bohrinsel. Jan hat Bess auch körperlich mit der Liebe angesteckt. Zwischen ihnen stimmt die Chemie, sie lieben sich oft und gerne. Zwar hat Bess manchmal mit ihrem Gott zu kämpfen, aber Jans Liebe ist mächtig, und Gott scheint damit einverstanden zu sein.Jans Abschied verlief dramatisch, Bess mußte buchstäblich vom Helikopter weggezehrt. Nun beginnt die Wartezeit. Bess geht in die Kirche, spricht mit dem Gott. Ihre Dialoge sind unbeschreiblich. Da sehen wir Bess, die mit unbeholfener Stimme dem Gott Fragen stellt, die andere Bess antwortet ihr Gottes Worte...Das Warten hat fast sein Ende, Jans Urlaub näht sich. Da passiert auf der Bohrinsel ein Unglück. Jan versucht seinem Freund zu helfen, wird dabei schwer am Kopf verwundert. Er lebt zwar, ist querschnittgelähmt.Für Bess beginnt eine neue Zeit. Sie verbring fast den ganzen Tag im Hospital, zuhause pflegt sie ihn jede Sekunde. Die Schwägerin hilft. Auch der Arzt dr. Richardson kümmert sich um Jan. Der braucht oft zusätzliche Pflegemassnahmen, Operationen, Sauerstoff.Aber Bess gibt nicht auf. In einem Gespräch mit Jan will er von ihr "ein Opfer". Bess sollte mit anderen Männern schlafen und ihm davon berichten. Nur so könne er weiterleben, er als Mann taugt nicht mehr für die körperliche Liebe. Bess MUß an ihn denken!Bess sträubt sich dagegen, beteuert ihre Liebe zu Jan. Der übt Drück auf sie und gewinnt. Bald schon ist Bess eine "Dorfbekannte". Sie sucht sich die Männer aus, schläft mit ihnen und berichtet Jan davon. Weil es ihm tatsächlich etwas besser geht, ist Bess überzeugt, ihre Liebe hat das gemacht.Das Dorf ist klein, bald erfahren alle davon. Die Kinder werfen Steine auf sie, der Pfarrer sieht das, unterimmt NICHTS! Die Mutter muß sie wegschicken, der Großvater als Kirchenälteste verbannt sie aus der Gemeinde. Bess bekommt Hilfe von der Schwägerin und dem Arzt. Sie beide sehen, wie Jan Bess zugrunde richtet. Sie wollen Bess einweisen, um sie zu schützen, Jan unterschreibt das Dokumment. Aber Bess kann das nicht verstehen, sie glaubt, ihre Liebe sei doch nicht so groß. Da macht sie einen folgeschweren Schritt....Am Beginn des Filmes fragt Jan den Pfarrer, warum die Glocken bei einer Hochzeit nicht läuten. "Wir haben keine Glocken" sagt der Pfarrer hochmütig, seine Kirche brauche das nicht. Die andere Szene - ein Begräbnis; nur die Männer dürfen dabei sein. Der Pfarrer hält eine Rede, in der er den Verstorbenen in die Hölle schickt. Kein Erbarmen!Der Fim durch mehrere Kapitel geteilt. Jedes beginnt mit einer Bild, das die Farben des ganzen enthält. Dazu hört man ein Song (z.B So Long Marianne, A Whiter Shade Of Pale...). Wunderbar. Sonst ist der Film farblich eher düster, grau, braun.., wie die Landschaft dort ist. Man sieht das tosende Meer, die Wellen, die steinige Küste. Ganz in der Nähe sind wie Mahnmale viele verlassene Fässer, die Eisenteiele vom Rost befallen.Die Häuser sind aus dem Stein, zwecksmässig, nie aber schön.Was vermag die Liebe zu tun? Wir erfahren, dass Bess nach Bruders Tod in psychiatrischer Behandlung war, damals hat ihr die Schwägerin geholfen. Als man den Arzt fragt, wie würde er Bess beschreiben, antwortet er, er würde anstelle neurotisch oder psychotisch nur "gut" schreiben. Die Obrigkeit wundert sich - kann man eine "Krankheit" mut "GUT" beschreiben.Man kann. Der Film lässt keinen kalt. Auch beim wiederholten Mal habe ich mit höchster Konzetration das Gesicht von Bess beobachtet. Da spiegelt sich Unendlichkeit, die Güte, die Liebe...Emily Watson war LvTriers zweite Wahl. Wie gut, dass sie die Rolle bekam. Mit 29 Jahren so zu spielen.Auch Stellan Skarsgaard bringt uns Jan näher. Lars von Trier, selbst oft depressiv, hat mit dem Film einen Meilenstein geschafen. Dabei hat er so viele Filme.Eine Homage an die Liebe, an die Güte, die man nur selten findet.Lasset die Glocken läuten, bitte! Und die Tränen nicht zurückhalten, sie sind hier am Platz..., sie können uns helfen wieder einmal an andere zu denken. So wie das Bess getan hat!