Handlung! Handlung! Handlung!
Wenn John von Düffel nicht vergessen würde, dass ein Roman auch der HANDLUNG bedarf und nicht nur der Reflektion und des Wortspiels (beides beherrscht er nämlich geradezu meisterlich), stünde er ganz sicher auch bei den LESERN in der ersten Reihe deutscher Schriftsteller. So und nicht anders lautet mein Resumee nach Lektüre dieses Romans.
Protagonist des Romans ist ein Schauspieler Anfang 40, der müde geworden zu sein scheint. Seine Ziele sind erreicht (in dem Alter schon?!), das Leben plätschert, nur mit dem Nachwuchs klappt es zunächst nicht. Als es endlich doch so weit ist, steigert sich der werdende Vater (typisch für eine Generation, die mit Anfang 40 erst - und auch nur noch auf reproduktionsmedizinischem Wege - Eltern wird?!?) in seine Rolle hinein - was zuweilen amüsant, hier und da ein bisschen und da und dort auch einfach komplett zuviel ist. Welche Frau will übrigens über die Maßen geschont und von ihrem Mann letzten Endes behandelt werden wie eine leicht Schwachsinnige, nur weil sie schwanger ist?!? Was tatsächlich passiert, ist eine beginnende Entfremdung - wie sie in dem Anfangs- und Endgedanken mit dem Japaner und in der (ebenfalls ansonsten unverständlichen) Knappheit des Endes recht gut ausgedrückt wird. Als Leser/in fragt man sich schon: Ist dieser Mann wirklich im Erwachsenendasein angekommen? Oder verliert er in seiner 'Lebens-Schläfrigkeit' langsam den Zugriff auf die Realität? Bis dahin ist das alles noch ganz nett zu lesen und manche Beobachtung schön beschrieben.
Mit dem Ende des Buches sieht es anders aus. Wollte der Autor von Anfang an nur einen zutiefst sinnlosen doppelten Ehebruch mit zwei obendrein unfreiwilligen Tätern (oder doch eher Opfern?) inszenieren?!? Der ist jedenfalls mehr als schwach motiviert: Konkrete Aussagen zum Thema Reproduktionsmedizin kommen im Grunde nicht vor. Hat der Autor sich wirklich damit beschäftigt??? Eine TESE mit anschließender ICSI z.B. wäre für einen gut verdienenden Staatsanwalt problemlos auch wiederholt finanzierbar gewesen; Hodenkrebs ist heutzutage in vielen Fällen kein zwingendes Aus mehr für eigenen Nachwuchs. Aber diese Vokabeln fehlen im Buch. Auch die Idee, den alten Jugendfreund zu so einem Dienst heranzuziehen, ist alles andere als überzeugend. Warum ausgerechnet einen Mann, der selbst nur mit Hilfe der Reproduktionsmedizin ein Kind zeugen konnte?!? Warum HCs unglaubliche Rücksichtslosigkeit v.a. gegenüber den Gefühlen seiner Frau, aber auch denen des Freundes?!? Warum die überzogene Eile (terminsichere Eisprünge lassen sich öfter herstellen)?! Und wer - außer einem Mann, der mit der Realität so oder so seine Schwierigkeiten hat und sich (mal wieder, und daher vorhersagbar?) in so etwas hineinsteigert - würde auf so ein billiges Druckmittel überhaupt anspringen?!? Eine heterologe Samenspende für eine künstliche Befruchtung im Reagenzglas wäre nicht nur vollkommen legal gewesen, sondern hätte auch deutlich höhere Befruchtungschancen geboten als bloßer Sex zum Eisprungstermin - und nebenbei die Gefühle aller Beteiligten geschont. Was natürlich vergleichsweise undramatisch und damit kaum erzählenswert gewesen wäre. Dennoch: Warum um alles in der Welt hat der Autor diese Mängel nicht behoben (und z.B. über zwei seit langem befreundete Paare geschrieben, die in einem längeren Prozess zu so einem Entschluss gelangen, und darüber, wie sie hinterher damit klarkommen, darüber, was die verschiedenen Formen von Elternschaft heute bedeuten (können))?!?!?!
Alles in allem eine eher hirnrissige Geschichte, mit deren Protagonisten ich nicht 'warm werden' konnte (was aber vielleicht auch gar nicht beabsichtigt war). Ein Gesellschaftsporträt?!? Wenn so unsere 'besten Jahre' aussehen sollten - oh je!
P.S. Den Übergang zwischen den Ich-, Du- und Er-Passagen fand ich ziemlich gut gemacht, im flüssigen Lesen fielen sie zunächst nicht auf (vorausgesetzt, man lässt sich auf die Geschichte ein und ist nicht eh' nur am Mäkeln).
Anfangs ermüdend, aber dann ...
Ich habe schon mehrer Bücher von JvD gelesen, und allesamt gerne. Bei diesem Werk (das ich mehr oder weniger "blind" gekauft hatte) tat ich mich anfangs schwer, oder das Buch tat es - das anfängliche Thema (Hormonmanipulation/Schwangerschaftserlangung) interessierte mich nicht sonderlich und langweilte mich. Schon kurz davor, die Lektüre vorzeitig zu beenden, nahm die Geschichte Tempo auf (wobei ich v.Düffels "langsames Erzählen" sehr schätze), wurde spannender, nahm überraschende Wendungen und hielt mich bis zum Schluss in Bann.
Mittlerweile kann man den promovierten Philosophen und Dramaturgen gut und gern als Experten für Familiengeschichten betrachten. Mehr oder weniger alle seine Romane sind sehr erfolgreiche Bücher, in denen Familiengeschichten im Mittelpunkt stehen. Und von Düffel bleibt sich treu. Auch der neueste Roman beschäftigt sich auf außergewöhnliche Weise mit diesem Thema.
Der namenlose Ich-Erzähler, erfolgreicher Schauspieler, knapp über die vierzig, glücklich verheiratet, beginnt, sich mit dem Älterwerden zu befassen. Längst sind die wilden Jahre vorbei. Man(n) und Frau, auch sie Schauspielerin, sind etabliert. Nur eines fehlt noch zum Glück: die Elternschaft. Statt "fruchtbar zu sein und sich zu mehren", was auf natürliche Weise nicht ging, die biologische Uhr tickt unüberhörbar, machen die modernen Reproduktionstechniken möglich."Wir waren die Avantgarde der Familienplanung". Mit Erfolg. "Wir sind schwanger".
Wunderbar leise und einfühlsam beschreibt von Düffel den Weg zur Familie, die Beschwernisse, die Gefühle, das Glück später Eltern, das nicht nur die werdende Mutter empfindet, sondern auch der "schwangere Mann". "Obsklappt?" hat sich als liebevoller Name erhalten - und ist ein Stück Realität geworden. Die Frage nach dem "Sinn unseres Lebens" wird gestellt - und nach der Verantwortung. Hier zeigt sich der Autor als ausgezeichneter Beobachter, der sowohl in die Geheimnisse der Psyche eindringt, als auch in die gesellschaftliche Diskussion der kinderlosen Vierziger. Ein brillantes Psychogramm.
In diese Idylle bricht HC ein. Ein ehemaliger Freund aus Studienzeiten, der nicht nur alte Zeiten wieder aufleben lässt, sondern auch einen sehr eigenartigen Wunsch damit verbindet. Er ist zeugungsunfähig und wünscht sich, das der werdende Vater an seiner Stelle seiner Frau zur Schwangerschaft verhilft. Dass sich diese Frau als ehemalige Flamme aus längstvergangenen Zeiten herausstellt, macht die Sache besonders pikant. Eine "Geschichte der Zerstörung" auf der einen Seite und des Glücks auf der anderen Seite: Julian, 51 cm, 3430 Gramm.
John von Düffel ist ein nachdenkliches Buch gelungen: Über die vermeintlich besten Jahre des Mannes und wie und mit welchen Folgen sie vergehen. Es ist ein Buch voller Gespür - erstaunlicherweise auch für die Psyche der Frau in der besonderen Situation. Und es ist ein Buch auch über das Wesen der Schauspielerei, besipielhaft dargestellt an den Lehr- und Wanderjahren des Helden von der Provinzbühne bis zum erfolgreichen Mimen an einem großen Theater. Hier erscheint dem Leser plötzlich der Autor, der sich hinter der ganzen Geschichte versteckt. Eine Art "Schlüsselroman" also - auch wenn von Düffel wohl etwas augenzwickernd diesen Gedanken von sich weist.
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