Testurteil: "7 von 10 Punkten"
Test: Einzeltest: Stronghold
Zitat: Stronghold ist zweifellos ein ungeschliffener Diamant unter den Strategiespielen. Es benötigt einige Partien, um die enorme Vielfalt von Aktionsmöglichkeiten zu überblicken. Hat man diesen ersten Schritt hinter sich gebracht, bedarf es weiterer Spielpraxis, um diese Aktionen auch effektiv nutzen zu können. Wollen die Spieler die volle Bandbreite des Regelwerkes ausschöpfen, müssen sie mit großer Bereitschaft und sehr gewissenhaft an dessen Studium herangehen.
In den meisten Partien wird es dem Angreifer gelingen, die Burgmauern zu durchbrechen. Das Siegpunkte-System sorgt jedoch dafür, dass die erfolgreiche Erstürmung der Festung für den Aggressor dennoch in vielen Fällen in einer Niederlage mündet – dann nämlich, wenn der Verteidiger dem Ansturm lange genug standhalten konnte! Überaus innovativ ist der „Sanduhr“-Mechanismus, der dafür sorgt, dass je offensiver der Angreifer seine Spielzüge gestaltet desto mehr Zeit dem Verteidiger für seine defensiven Aktionen innerhalb der eigenen Burgmauern zur Verfügung steht. Vielspieler werden jedenfalls ihre helle Freude mit Stronghold haben und für ihren Einsatz bei der Erarbeitung des Regelheftes mit asymmetrischen, vollste Konzentration und strategische Vorausplanung einfordernden hochtaktischen Spielsystematiken mehr als belohnt.
Der Spielvorteil liegt aufgrund der flexibleren Siegbedingung klar beim Verteidiger. Ein zaghafter, wenig entschlussfreudiger oder gar planloser Angreifer wird mit großer Wahrscheinlichkeit immer den Kürzeren ziehen. Dennoch verzeiht Stronghold auch dem Verteidiger nicht den kleinsten Fehler!
Eine vorsichtige Warnung an die wahren Spieltüftler: Obwohl das Spiel auf den Einsatz von Würfeln verzichtet, ist ein gewisses Glücksmoment im Spiel enthalten.
Stronghold entfaltet seine ganze Strahlkraft im Spiel zu zweit. Es ist zwar möglich, die Teilnehmerzahl auf drei oder vier Spieler auszudehnen, dies drückt jedoch sehr stark auf das Spieleerlebnis. Die auf der Spieleschachtel angegebene Altersangabe „Ab 10 Jahren“ kann eigentlich nicht ernst gemeint sein. Aufgrund der komplexen Abläufe würde die Angabe „Ab 14 Jahren“ zweifellos besser passen. Familien- und Gelegenheitsspielern sei hiermit jedenfalls sehr deutlich vom Kauf abgeraten!
Etwas ältere Semester werden sich unweigerlich an das Cry Havoc -Hex and Counter-System erinnert fühlen, das in vielerlei Ausformung mittelalterliche Belagerungs- und Kampf-Szenarien nachstellte und Anfang der 1980er-Jahre zu einem Vorreiter im Bereich klassischer Konfliktsimulationen werden sollte. Das Spielgefühl, das sich im Laufe einer Partie Stronghold entwickelt, ist jenem von Cry Havoc tatsächlich sehr ähnlich.
Epilog
Für Herr der Ringe-Fans ist es ein Leichtes, sich mit Stronghold nach Mittelerde und dort in eine von J.R.R. Tolkien unerwähnt gebliebene Schlacht zu träumen, die ihren dramatischen Ausgang irgendwo in den weiten Landschaften Rohans oder Gondors nahm.