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Audio Media Digital Das Elend mit der Speisekarte A1069399585
Was mir an der deutschen Speisekarte der Gasthäuser auffällt, ist ihre Unzweckmäßigkeit. Ob in Deutschland gut oder schlecht gegessen wird, ist wohl nur nach Landstrichen zu sagen, nach den »Geschmäckern«, nach dem Geschlecht, dem Beruf, dem Geldbeutel des Urteilenden – hier handelt es sich um Grundsätzliches, gerade um das, was die Ernährungsausstellung wenigstens stellenweise gut und gescheit gepredigt hat: Esst vernünftig! Es ist aber sehr, sehr schwer, in einem deutschen Restaurant vernünftig zu essen.
Audio Media Digital Der Hund und der Sperling A1069399622
Ein Schäferhund hatte keinen guten Herrn, sondern einen, der ihn Hunger leiden ließ. Wie er es nicht länger bei ihm aushalten konnte, ging er ganz traurig fort. Auf der Straße begegnete ihm ein Sperling, der sprach "Bruder Hund, warum bist du so traurig?"
Er hat gesagt, die Cora nicht. Er merkt es gut, dass er ihr zu wenig ist, weil er nicht studiert hat, und sie schaut ihn gar nicht an. Ich habe gesagt, ich will sie fragen; vielleicht heute beim Essen. Da hat er gerufen, ich darf es nicht tun. Er sagt es ihr selber. Ich habe gefragt, ob er es noch heute sagt. Und er hat gesagt, es dauert nicht mehr lange; vielleicht sagt er es noch heute. Wenn er die Cora allein sieht, dann geht er hin und sagt es ihr. Er kann es nicht mehr aushalten, weil er nicht mehr schlafen kann und nicht mehr essen und trinken kann.
Der Schnee lag kalt und weiß auf freiem Felde. Ein Hase und seine Frau suchten Futter. Die Pfoten froren. Es war ein mühsamer Weg, und der Wind pfiff über die Fläche. Die Ausbeutung war kümmerlich. Man musste erst den Schnee fortkratzen, um etwas Essen zu finden. Die Pfoten wurden so leicht wund dabei. Man musste sie dazwischen immer wieder ablecken. Auch war die Frau des Hasens leidend. Ein Bein war ihr zerschossen worden.
Audio Media Digital Jakob Krakel-Kakel A1069230380
Jakob Krakel-Kakel war schon ein alter Rabenvater. Aber – dem Himmel sei es geklagt – er machte noch immer Seitenflüge. Besonders häufig traf er sich in einer Felsengalerie mit seiner Nichte, der Nebelkrähe. Er schwärmte so für aschblonde Federn. Da saß er und schnäbelte, statt sich die Felsenbilder zu besehen, wie es ehrbare Leute tun.
Audio Media Digital Das menschliche Paris A1069399646
Wenn man aus Deutschland kommt, versteht man es erst gar nicht. Wir sind doch gewöhnt, dass ein Gasbeamter ein Gasbeamter ist und weiter nichts – dass ein Gerichtsdiener Gerichtsdiener, ein Schaffner Schaffner und ein Billettverkäufer Billettverkäufer ist. Wenn sie wirklich die starre Maske des ›Dienstes‹ ein wenig lüften, so geschieht das meistens, um Unhöflichkeiten zu sagen. Herr Triebecke hat sich eine bunte Mütze aufgesetzt, und Herr Triebecke ist völlig verschwunden: vorhanden ist nur noch einer, der ›seinen Dienst macht‹. Ja, die freiwillige Einordnung in jede Kollektivität, in der man sich geborgen fühlt, geht so weit, dass man in deutschen Diskussionen oft zu hören bekommt: »Ich als Schleswig-Holsteiner«, »Ich als mittlerer Beamter« und sogar: »Ich als Vater ... « Nur, einfach: ›Ich‹, ich als Mensch – das ist selten.
Audio Media Digital Das konservative Paris A1069399618
Paris ist eine alte Stadt. Paris ist eine neue Stadt. Aber sie ist nicht neu lackiert, und sie ist auch kein Museum. Sie ist aber konservativ. In Frankreich hat kein wichtiges historisches Ereignis stattgefunden, das nicht von Paris ausgegangen oder in Paris beendet worden wäre. Diese Stadt hat alles schon gehabt, und nichts kann sie mehr in Erstaunen setzen. Nun gibt es nicht mehr von allen den alten Ereignissen Zeugen aus Stein oder Erz – aber durch die Jahrhunderte, in Bauweise, Hausanordnung und Parkanpflanzung hat sich etwas erhalten, eine Tradition, ein Konservatismus, eine geschichtliche Überlieferung.
Audio Media Digital Der Ruf der Straße A1069399620
Jetzt sitze ich bald vier Jahre in Frankreich. In den ersten acht Tagen ging ich im Taumel umher, die eisernen Ketten der Inflation waren gerade gefallen, und mir war mein Schwergewicht abhanden gekommen. Nach zwei Monaten verstand ich alles – hätte mich jemand gebeten, ihm eine Monographie über Frankreich zu schreiben, ich hätte angenommen; aber zum Glück hat mich damals keiner gebeten. Nach einem halbem Jahr begann das Bild sich langsam zu verdunkeln, die Fäden liefen wirr, da waren Widersprüche, die ich nicht zu lösen vermochte ... Nach drei Jahren verstand ich gar nichts mehr. Wie ist der Franzose?
Audio Media Digital Archibald Pickelbeul A1069223828
In einem Blumentopf im Fenster lebte einmal ein Kaktus – dick, grün und beschaulich. Er setzte Pickel um Pickel, Beule um Beule an, und dieser Kaktus hieß Archibald Pickelbeul. Neben ihm stand eine Rose und reckte duftende Blüten ins Sonnenlicht. Aber Herr Pickelbeul nahm kein Interesse an ihr, weder ein sachliches noch ein persönliches. Denn sachliche Interessen hatte er überhaupt nicht, und sein persönliches Interesse erschöpfte sich restlos darin, seinen fetten grünen Bauch in der Sonne zu wärmen und Pickel um Pickel und Beule um Beule anzusetzen, aber langsam und ohne Übereilung.
Audio Media Digital Die Taube und die Ameise A1069399636
An einem heißen Sommertag flog eine durstige Taube an einen kleinen, rieselnden Bach. Sie girrte vor Verlangen, neigte ihren Kopf und tauchte den Schnabel in das klare Wasser. Hastig saugte sie den kühlen Trunk.
Audio Media Digital Augen in der Großstadt A1069399638
Wenn du zur Arbeit gehst Am frühen Morgen, Wenn du am Bahnhof stehst Mit deinen Sorgen: Da zeigt die Stadt Dir asphaltglatt Im Menschentrichter Millionen Gesichter: Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, Die Braue, Pupillen, die Lider – Was war das? vielleicht dein Lebensglück... Vorbei, verweht, nie wieder.
Audio Media Digital Verlauf eines Sommers A1069259675
Lenau ist nie einfach. Martin Lenau: er verhält sich seit seiner Kindheit gemäß den Erwartungen anderer. Er ist der Mann seiner Frau, der Vater seiner Tochter, der Mitarbeiter seiner Firma. Dass ein lebenslanges Rollenverhalten die Psyche nicht unbeschädigt lässt, wird hier mit einer sichtbar verfeinerten und vertieften Kunst vor Augen geführt. – Neue Zürcher Zeitung
Audio Media Digital Das tapfere Schneiderlein A1069399276
An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften. Da kam eine Bauersfrau die Straße herab und rief: »Gut Mus feil! Gut Mus feil!« Das klang dem Schneiderlein lieblich in die Ohren, er steckte sein zartes Haupt zum Fenster hinaus und rief...
Audio Media Digital Gemeinsam- und Unanständigkeiten A1069399540
"Gemeinsam- und Unanständigkeiten" ist eine erotische Schwulengeschichte von Michael Annon, interpretiert von Friedrich von Latte. Eine prickelnde Erotik zwischen Männern, Nikolai hat einen Faible für Sportler und seinen nicht so unschuldigen Mitbewohner.
Audio Media Digital Die Pest im Vintschgau A1068829610
Am Pfingstsonntag des Jahres 1614 hatte auf dem Marktplatz in Schlanders eine Truppe von Gauklern ihr Zelt aufgeschlagen. Es waren Italiener, die einen Taschenspieler, einen Seiltänzer, einen Wunderdoktor, einen Athleten und vor allem eine Gorilla-Äffin bei sich hatten. Diese Äffin erregte teils Neugier. teils Furcht, da sie ungeachtet ihrer Menschenähnlichkeit in Gebärden und Verrichtungen doch eine unsägliche Wildheit merken ließ. Jene Leute selbst waren des Tieres, das sie erst vor Kurzem von maurischen Kaufleuten in Venedig erhandelt hatten, noch keineswegs sicher und legten es bei Nacht in Ketten.
"Moses, Moses, du gefällst mir nicht. Warum willst du dich verloben mit zwanzig, wenn du erst willst heiraten mit fünfundzwanzig?" – Der alte Esra sah seinem Sohne zwischen den Wimpern durch, als wollte er im Innern des Kopfes eine kabbalistische Flammenschrift entziffern. Frank Wedekind (* 24. Juli 1864 in Hannover; † 9. März 1918 in München; eigentlich Benjamin Franklin Wedekind) war ein deutscher Schriftsteller und Schauspieler. Wedekind, der der Familie Wedekind zur Horst angehört, wuchs ab 1872 in Lenzburg in der Schweiz auf. Sein Vater, der pensionierte Gynäkologe Dr. med. Friedrich Wilhelm Wedekind, war aus Opposition gegen das neu gegründete preußisch-deutsche Reich mit seiner Familie dorthin emigriert. Schon nach der gescheiterten Märzrevolution 1848/49 war er zunächst nach San Francisco ausgewandert (wo er Emilie Kammerer, die Tochter des Erfinders der Streichhölzer Friedrich Kammerer, heiratete), 1864 aber nach Deutschland zurückgekehrt. Er kaufte das Schloss Lenzburg, und sein Sohn Frank verbrachte dort seine Jugendzeit. Seit Herbst 1872 ging Frank in die Lenzburger Gemeindeknabenschule, die dortige Bezirksschule. 1879 wechselte er auf die Kantonsschule in Aarau. Hier gründete er den Dichterbund Senatus Poeticus zusammen mit W. Laué, A. Vögtlin und O. Schibler. Für seine Schwester Emilie entstand das Kinderepos Der Hänseken, mit Zeichnungen des Bruders Armin (EA 1896). Nach Abschluss der Schule und einem abgebrochenem Jurastudium arbeitete Frank Wedekind unter anderem als Journalist, Chef der Werbeabteilung bei Maggi und Sekretär. 1889 siedelte er nach München über, wo er ab 1896 die Zeitschrift Simplicissimus mitbegründete, in der er auch unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte. Wegen "Majestätsbeleidigung" in dieser Zeitschrift wurde er 1899 verurteilt und verbrachte sechs Monate in Festungshaft. 1901/02 wirkte er im Münchner Kabarett Die Elf Scharfrichter mit, dort sang er nach eigenen Kompositionen seine Lieder zur Gitarre. Wedekind trat auch als Schauspieler in eigenen Stücken auf. Er schrieb gegen das Bürgertum und dessen Scheinmoral. Mit der Schauspielerin Tilly Newes hatte Wedekind zwei Töchter, Pamela und Kadidja. Grabstelle Waldfriedhof Solln, München. Seine Dramen Erdgeist und Die Büchse der Pandora dienten als Vorlage für die Oper Lulu von Alban Berg und dem Stummfilm Die Büchse der Pandora von Georg Wilhelm Pabst (Deutschland, 1929).
Audio Media Digital Der standhafte Zinnsoldat A1069212738
Es waren einmal fünfundzwanzig Zinnsoldaten, die waren alle Brüder, denn sie waren aus einem alten zinnernen Löffel gemacht worden. Das Gewehr hielten sie im Arm und das Gesicht geradeaus; rot und blau, überaus herrlich war die Uniform; das allererste, was sie in dieser Welt hörten, als der Deckel von der Schachtel genommen wurde, in der sie lagen, war das Wort »Zinnsoldaten!« Das rief ein kleiner Knabe und klatschte in die Hände; er hatte sie erhalten, denn es war sein Geburtstag, und er stellte sie nun auf dem Tische auf.
Hermann Botes Volksbuch vom Till Eulenspiegel, der einzige Welterfolg der Dichtung Niedersachsens und zugleich das berühmteste und langlebigste aller deutschen Volksbücher, erwies sich als ein ausgesprochener "Bestseller". Schon im 16. Jahrhundert trat es seinen Siegeszug im Abendland an, allein in Deutschland erschienen in diesem Zeitraum mindestens 35 Ausgaben. Das Buch wurde teilweise in Auswahl schon im 16. Jahrhundert in die meisten Kultursprachen Europas übersetzt.
Audio Media Digital Die Knopp Trilogie A1068989623
Die Knopp-Trilogie ist nach "Max und Moritz" eines der bekanntesten Werke von Wilhelm Busch. Der Zweizeiler "Vater werden ist nicht schwer - Vater sein dagegen sehr" stammt aus dieser Trilogie. Erstmals ist hier der Bürger nicht Opfer handlungsstarker Plagegeister, wie es in "Max und Moritz" oder "Hans Huckebein, der Unglücksrabe" der Fall war, sondern durchgängig die handelnde Hauptperson.
Der Spätherbst in Berlin hat gewöhnlich noch einige schöne Tage. Die Sonne tritt freundlich aus dem Gewölk hervor, und schnell verdampft die Nässe in der lauen Luft, welche durch die Straßen weht. Dann sieht man eine lange Reihe, buntgemischt Elegants, Bürger mit der Hausfrau und den lieben Kleinen in Sonntagskleidern, Geistliche, Jüdinnen, Referendare, Freudenmädchen, Professoren, Putzmacherinnen, Tänzer, Offiziere usw. durch die Linden nach dem Tiergarten ziehen. Bald sind alle Plätze bei Klaus und Weber besetzt; der Mohrrübenkaffee dampft, die Elegants zünden ihre Zigaros an, man spricht, man streitet über Krieg und Frieden.