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Brill | Schöningh Normative Integration
Das Buch will einen Beitrag zur normativen Integration in der heterogenen Schule leisten, in der ein normativer Grundkonsens zu zerbrechen droht. Es zeigt sich neben einer massiven kulturellen Heterogenisierung ein zunehmender Einfluss der alternativen digitalen Medien auf die Meinungsbildung der Schülerschaft. Beide Entwicklungen stellen die Schule vor neue Herausforderungen. Zudem zeigen sich Schwierigkeiten vieler Lehrpersonen, angemessen mit diesen neuen Herausforderungen umzugehen. Die Beiträge des Buchs sollen Orientierung bieten: Die fachwissenschaftlichen Texte prüfen die Stichhaltigkeit der Theorien, die zur Verwirrung des Zeitgeists beitragen; die fachdidaktischen Texte präzisieren die Problematik normativer Desorientierung im Hinblick auf den Philosophie- und Ethikunterricht, und die unterrichtspraktischen Texte liefern Beispiele für Unterrichtsmodelle, die sich den neuen Herausforderungen stellen.
Blick ins Buch Carl von Clausewitz ist ein Klassiker der militärischen und politischen Theorie; seine Schriften gehören zur Weltliteratur. Christian Th. Müller erschließt die Fülle seiner Gedankenwelt erstmals systematisch, nah an den Originaltexten – und dennoch allgemeinverständlich für einen breiten Leserkreis. Clausewitz wird zwar gern zitiert, aber wenig gelesen und noch weniger verstanden. Vor allem wurde verkannt, dass seine Theorie nicht als Regelkatalog für „richtige“ Kriegführung, sondern als kritische Betrachtung zur Schulung des Urteilsvermögens entwickelt worden ist. Als solche regt sie noch heute zum eigenständigen Denken an und bietet Hilfestellung bei der geistigen Durchdringung des Phänomens Krieg. Christian Th. Müller gibt einen Überblick zu Leben und Werk von Clausewitz, erörtert dessen Kriegsbegriff und Theorieverständnis. Im Anschluss werden wesentliche Aspekte seiner Theorie wie u.a. „Strategie und Taktik“; „Angriff und Verteidigung“; „Kleiner Krieg und Volkskrieg“ erläutert. Auf diesem Weg soll einerseits die Lektüre seines Hauptwerkes „Vom Kriege“ erleichtert werden und andererseits die daraus hervor gehende Theorie als ein Werkzeug der kritischen Analyse nahegebracht werden.
Karl Blossfeldts Pflanzenaufnahmen sind heute kanonische Bilder der Fotogeschichte. Als 1928 sein Buch »Urformen der Kunst« erschien, war das ein regelrechtes Medienereignis. Unzählige Tageszeitungen, aber auch Zeitschriften für Kunst und Fotografie sowie hochspezialisierte Fachblätter für Architektur, Biologie, Blumendekoration, Drechslerei, Mode oder Volkskunde berichteten über das Werk des bis dahin unbekannten Fotografen und Pflanzenmodelleurs. Die Edition dokumentiert in reicher Auswahl die Rezensionen seiner Bücher und Ausstellungen bis 1945 und bietet so ein unerlässliches Kompendium zum Studium dieses Klassikers der Moderne. In ihrer vielfältigen Auseinandersetzung mit der Natur leisten die Texte zudem einen wichtigen kulturgeschichtlichen Beitrag zur aktuellen Diskussion rund um das Thema Pflanze.
In vier Fallanalysen wird in dieser Untersuchung beleuchtet, wie durchsichtige Bildträger in der Malerei des 20. Jahrhunderts als konzeptuelles Mittel verwendet werden, um den Werken von Grund auf eine bildkritische Dimension zu verleihen und sie so als ›Meta-Werke‹ zu entwerfen. Die traditionsreiche Transparenzmetaphorik in Bezug auf Malerei und der Umstand, dass ein Durchblick durch transparentes Trägermaterial den scheinbaren Durchblick durch die Bildfläche in Frage stellen kann, begründet das außerordentliche Potenzial eines solchen Materials. Mit Werken von Duchamp und Moholy-Nagy, Axell und Tevet sind sowohl ›modernistisch‹ als auch ›postmodernistisch‹ genannte Positionen ausgewählt. So kann der besondere Wert von ›Meta-Werken‹ und ihres Verständnisses für die Forschung am Beispiel der Frage erörtert werden, ob sich ›im Licht der Beleuchtungen‹ der vier werkimmanenten Reflexionen eine Differenz abzeichnet, welche die kategoriale Unterscheidung zwischen ›Modernismus‹ und ›Postmodernismus‹ stützt.
Asien als Kriegsschauplatz ist in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft bislang nur am Rande behandelt worden. Um das Forschungsfeld auch bei uns zu etablieren, eröffnet dieser Band historische und globale Perspektiven auf den Kriegsschauplatz Asien. Im historischen Längsschnitt durch alle Epochen werden militärische Konflikte in Asien thematisiert und liefern Impulse für die globale Forschung zur Kulturgeschichte der Gewalt. Die facettenreichen Beiträge beinhalten verschiedene militärgeschichtliche Themenkomplexe im geografischen und historischen Längsschnitt und reichen dabei von der Vormoderne über das Zeitalter der Kolonialkriege, den Russisch-Japanischen Krieg (1904/05) und die beiden Weltkriege bis an das Ende der in Asien geführten „heißen Kriege“ des Kalten Krieges.
Die Wiedervereinigung war kein rein ostdeutsches Phänomen, sie veränderte ganz Deutschland. Bislang wurde die Geschichte der „Wende“ oft nur mit Blick auf die Veränderungen in Ostdeutschland erzählt, während Westdeutschland als vermeintlich unveränderter Normalfall gilt. Doch diese Sichtweise greift zu kurz, denn auch in westlichen Regionen setzten in den 1990er-Jahren tiefgreifende Ko-Transformationsprozesse ein, die bislang oft übersehen wurden. Dieser Band versammelt Beiträge, die einen neuen Blick auf die deutsche Einheit werfen. Die Autorinnen und Autoren untersuchen, wie sich die Geschichte der „Wende“ aus regionaler Perspektive gesamtdeutsch erzählen lässt – jenseits der gewohnten Ost-West-Dichotomie. Sie zeigen, dass die Transformation der 1990er-Jahre Deutschland als Ganzes erfasste und in verschiedenen Regionen unterschiedliche Formen annahm. Ein überfälliger Perspektivwechsel, der sowohl zum Verständnis der jüngsten Zeitgeschichte als auch der Gegenwart beitragen soll.
Mit seinem Konzept der "akustischen Maske" weist der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti einer modernen Ethik des Hörens den Weg. Er reagiert damit auf die Konjunktur der Maske in Literatur und Theater um 1900. Gleichzeitig soll dem Hören neue poetologische Aufmerksamkeit zukommen, wie dies Rainer Maria Rilke gefordert hat. Canettis Mentor, der aktiv zuhörende Satiriker Karl Kraus, hatte das Anliegen, dem täuschenden Sprechen seine Maske abzunehmen – doch in der Moderne ist nicht mehr zwingend das lesbare Gesicht dahinter. Die Studie verfolgt das so ästhetisch potent und ethisch signifikant gewordene Antlitz über Nietzsches Auseinandersetzung mit dem Musiktheater Wagners, in Figurationen des Pierrot aus der Commedia dell'arte und mit Brecht, Broch, Hofmannsthal, Maeterlinck, Schnitzler und Thomas Mann durch die Literatur-, Theater- und Mediengeschichte der Moderne.
Die individuelle Aneignung von theologischen und dogmatischen Gehalten basiert auf einer komplexen hermeneutischen Dynamik, die die vorliegende Arbeit als Figurationen untersucht. Unter Figurationen werden dabei sowohl narrativ-bildhafte Elemente auf der Ebene der Textgestaltung als auch hermeneutische Rezeptionsvorgänge verstanden, in denen sich Rezipierende selbst im Text oder Bild wiederfinden und sich auf diese Weise die individuelle Bedeutsamkeit des Gehaltes erschließen. Am Beispiel der Medea und im Anschluss an Philipp Melanchthons rhetorische, philosophische und theologische Werke zeigt dieses Buch aus systematisch-theologischer Perspektive den Zusammenhang der Figurationen in Aneignungsprozessen im Modus der Mediopassivität auf und trägt damit zu einem besseren Verständnis der Bedeutung und Gestaltung lebensnaher Dogmatik bei.
Die phänomenologische Diversität diabolischer Protagonisten und die diskursive Fülle ihrer Gestaltungsmöglichkeiten in der Literatur und anderen Künsten machen deutlich, dass Teufel und Form aufs Engste miteinander verwoben und mithin aufeinander bezogen sind. Die mehrheitlich romanistischen Beiträge des Sammelbandes analysieren exemplarische figürliche Manifestationen des Teuflischen und deren teuflische Gattungsausprägungen erstmals auf systematische Weise. Dabei steht die Formenvielfalt in diachroner Sicht vom Mittelalter bis in die Gegenwart und in medialer Perspektive in narrativen, reflexiven, dramatisch-darstellerischen und lyrisch-poetischen Textzeugnissen im Fokus.
Schmerz ist ein Beziehungsgeschehen. Gefühle der Einsamkeit und Isolation bedingen, dass man dem Verhältnis zu anderen Menschen und ihrer Bedeutung für den Schmerz kaum Aufmerksamkeit schenkt. Dass es jedoch im Erleben einer leidvollen Situation einen großen Unterschied macht, ob man mitfühlend berührt und getröstet oder ob man ignoriert wird, zeigt die Erfahrung. Diese Beobachtung verlangt nach einer Reflexion über die Intersubjektivität und Alterität der Schmerzerfahrung. Durch die Untersuchung ausgewählter Phänomene, u. a. von Folter, Selbstverletzung oder Geburtsschmerz, wird ausgelotet, wie das Empfinden durch andere beeinflusst wird und die konkrete Situation das individuelle Erleben von Nähe und Distanz verändert. Umgekehrt ist zu prüfen, inwieweit Empathie oder ihr Fehlen das Erleben von Schmerz modifizieren. Die Ergebnisse zeigen, dass die Analyse zwischenmenschlicher Beziehungen, die sich in extremer affektiver Betroffenheit besonders verdichten, für eine Phänomenologie des Schmerzes unentbehrlich ist.
Die Eroberung Jerusalems durch die Babylonier 587 v.u.Z. und ihre Folgen – insbesondere das babylonische Exil – gelten allgemein als Zäsur in der Geschichte Israels. Zahlreiche biblische Texte beziehen sich auf dieses Ereignis. Das vorliegende Buch zeigt, dass sich die Erzählung der babylonischen Eroberung Jerusalems und ihrer Folgen erst im Laufe der Zeit als Leidensnarrativ in der überlieferten Form herausgebildet hat. Dieser Prozess, in dem ein gefestigtes Bild dieser Ereignisse und ihrer Bedeutung entsteht, lässt sich als Etablierung eines kulturellen Traumas beschreiben. Die letztlich dominante Trauma-Erzählung bewahrt nicht die Erinnerung der unmittelbaren (emotionalen) Auswirkung der Ereignisse. Vielmehr lässt sich zeigen, dass wesentliche Elemente der Trauma-Erzählung wie die Deportation der Bevölkerung und die Zerstörung des Tempels erst in jüngeren biblischen Texten zentral werden.
Das Hauptziel dieses Buches ist es, sich mit einer bedeutenden Lücke in der akademischen Literatur bezüglich ethischer Überlegungen im Beruf der klassischen Musiker auseinanderzusetzen. Diese Lücke entsteht nicht aus einem Mangel an Notwendigkeit ethischer Überlegungen in der Musik, sondern vielmehr aus der intrinsischen Komplexität des Themas: Dieses befindet sich an der Schnittstelle verschiedener Disziplinen, nämlich Philosophie, Musikgeschichte, Musikwissenschaft, Musikpsychologie und Ethik. Das Buch geht auf ethische Fragen im Zusammenhang mit dem musikalischen Objekt ein. Dabei liegt der Fokus insbesondere auf Musikwerken in Partitur aus der westlich klassischen Tradition und auf den Menschen, die sie aufführen. Zunächst befasst sich die Autorin mit der Frage, was es bedeutet, Werke aus der Vergangenheit zu interpretieren. Danach wird die musikalische Ontologie in den Mittelpunkt gerückt, welche Lösungen im musikalischen Bereich legitimiert. Schließlich wird die Ethik als Leitfaden zur effektiven Erfüllung der Rollenverantwortung des Interpreten behandelt. Die Untersuchung erfolgt aus der Sicht der philosophischen Morallehre, insbesondere innerhalb des zeitgenössischen theoretischen Rahmens der Tugendethik.
Mit der osmanischen Besetzung 1541 nahm die Geschichte der ungarischen Hauptstadt und königlichen Residenz Buda (Ofen) ein tragisches Ende. Die Rückeroberung war von den Habsburgern seit langem geplant, doch erst 1686 konnten die christlichen Heere die Stadt befreien. Gleich danach wanderten Menschen in die Stadt ein. Als Folge der Ansiedlung von katholischen Deutschen konzentrierte sich die politische Macht hauptsächlich in den Händen der deutschen Bewohner, doch die Stadt wurde dennoch als ein multiethnischer und multireligiöser Ort wiedergeboren. Dieses Buch ist kein stadtgeschichtliches Werk im klassischen Sinne, denn Eleonóra Géra nähert sich der Epoche nicht aus der Perspektive der öffentlichen Verwaltung, sondern stellt aus einer mikrohistorischen Perspektive ihre Kulturgeschichte vor.
Das Zeitalter der Illusionskritik ist zu Ende. Die Befreiung des schönen Scheins aus dem Geist der humorlosen Vernunft gebiert vor allem im Kino heutzutage Abenteuer, die es auch philosophisch neu zu erkunden gilt. Diesen Pfaden folgt das Buch. Die Monographie beleuchtet aus philosophischer Sicht die längst totgeglaubte ästhetische Illusion neu anhand des Kinofilms. Dabei wird den Spuren der affektiven Verführung ebenso analytisch nachgegangen wie der resistenten Freude an der Verstrickung mit der Fiktion. Eine Philosophie des Kinos wird hier ausformuliert, die zugleich eine Philosophie des Körpers und seiner polymorphen Wandlungsfreiheit ist. Anstatt Illusion als zu entlarvende Täuschung abzuwehren, gilt es vielmehr, so das Credo des Buches, die Bereitschaft zur Hingabe an die durchschaute Fiktion im Sinne einer ästhetischen Freiheit auch philosophisch neu zu verteidigen.
Chronotation bietet die erste umfassende Untersuchung der spezifischen Zeitlichkeit im Werk des deutschen Künstlers Dieter Appelts. Die Studie versteht seine Fotografien und performativen Arbeiten nicht als Momentaufnahmen, sondern als materielle Verdichtungen längerer Prozesse, in denen Regeln, technische Apparaturen und Zufall zusammenwirken. Theoretisch ist die Arbeit im New Materialism, bei Karen Barads agentischem Realismus sowie in Bergsons Begriffen von Dauer und Werden verankert und überschreitet klassische Dualismen wie Subjekt/Objekt oder Idee/Material. In präzisen Fallstudien zeigt die Autorin, wie Langzeit- und Mehrfachbelichtungen sowie performative Verfahren zeitliche Abläufe sichtbar machen, die über den Aufnahmezeitpunkt hinausweisen. Eine diffraktive Lektüre und historische Bezüge zu Futurismus und Vortizismus stützen die Interpretation von Appelts Werken als Teil fortdauernder, nicht abgeschlossener Prozesse.
Die Untergründe, derer sich Romantik und Realismus in ihrer Erzählliteratur widmen, bergen zugleich Faszinierendes und Erschreckendes. Deshalb changiert der Umgang mit diesen erzählten Tiefenräumen auch zwischen Aus- und Eingrenzung. Den Höhlen-, Abgrund- und Untergrund-Topographien beider Epochen liegen dabei Denkfiguren zugrunde, deren Grundlagen bis in die Antike zurückreichen: Philosophie und Literatur erscheinen somit seit jeher als Ausdruck der Sorge um ihre Untergründe. Die Romantik erkennt im Ausgegrenzten einen Teil ganzheitlicher Erkenntnis und strebt nach Entgrenzung der durch aufklärerischen Rationalismus erzeugten Gegensätze zwischen Vernunft und Unvernunft. Zugleich offenbaren sich Ängste vor der Tiefe und dem, was dort vermutet wird. Der Poetische Realismus übernimmt diese Ambivalenz: Er grenzt die Tiefe teils aus, doch die verdrängten Untergründe dringen immer wieder an die Oberfläche und erzeugen Unsicherheit. Die neuzeitliche Literatur zeigt sich so als Geschichte dialektischer Ein- und Ausgrenzung ihrer eigenen Tiefen.
Sprachliche Ausdrücke haben Bedeutungen. Aber was sind diese Sachen, die wir „Bedeutung“ nennen? Warum haben sprachliche Ausdrücke genau die Bedeutungen, die sie haben? Und wie finden wir heraus, welche Bedeutungen sie jeweils haben? Um solche Fragen geht es im vorliegenden Buch. Um sie zu beantworten, muss der Zusammenhang zwischen sprachlichen Ausdrücken und Kommunikation in den Blick genommen werden. Sprachliche Ausdrücke haben Bedeutungen, weil wir damit kommunizieren. Dabei beeinflussen wir unsere Adressaten in einer besonderen Weise und rufen in ihnen bestimmte mentale Zustände hervor. Durch diese mentalen Zustände sind letztlich Bedeutungen unserer Äußerungen zu erklären. Um Bedeutungen zu erkennen, müssen wir aber nicht vorher schon eine Sprache beherrschen. Im Gegenteil: Kommunikation ist grundlegender als Sprache. Wir müssen zuerst kommunizieren, um unsere Muttersprache lernen zu können. Es wird gezeigt, wie Bedeutung durch Kommunikation erklärt werden kann und wie aus Kommunikation Sprache entsteht.
Georges Perecs Werk sind zwei Erbschaften eingeschrieben: das familiäre Vermächtnis jüdischer Geschichte sowie das intellektuelle Testament des Marxismus. Das erste haben bereits viele gelesen, das zweite wurde bisher kaum beachtet. Die Studie „Schreibformen. Georges Perecs literarischer Materialismus“ schließt diese Forschungslücke. Sie skizziert die marxistische Genealogie in Perecs Texten und zeigt, dass seine oulipotische Praxis nicht zu bloßen Sprachspielereien führt. Das Schreiben unter formalen Einschränkungen ist vielmehr als eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Zwängen zu begreifen, unter denen auch die künstlerische Arbeit steht. Literarische Praxis und Gesellschaftskritik fallen dabei zusammen. Angesichts der gegenwärtigen Unschärfe im Verhältnis von Aktionismus und Kunst sind Perecs Schreibformen wegweisend.
Der sowjetisch-afghanische Krieg war einer der blutigsten Konflikte des Kalten Krieges. Afghanistan wurde nicht nur zum Schlachtfeld der sowjetisch-amerikanischen Systemkonkurrenz, sondern war auch ein Ort der mehr oder minder gewaltsamen Begegnung zwischen »modernen« Sowjets und »rückständigen« Afghanen. Die Autorinnen und Autoren greifen die wechselseitigen Wahrnehmungen und Kriegserfahrungen auf und spüren den Folgen des Konflikts für Staat und Gesellschaften in beiden Ländern nach. Sie dekonstruieren Mythen, die sich bis heute um den Konflikt ranken, und betrachten das spannungsvolle Verhältnis zwischen der offiziellen Geschichtspolitik in Russland und den Erinnerungen der – oftmals traumatisierten – Veteranen an diesen unpopulären Krieg. Nach einer kurzen Phase der Öffnung der russischen Archive in den 1990er Jahren ist die zentrale Überlieferung zum sowjetischen Afghanistankrieg in Putins Russland wieder unter Verschluss. Die Beiträge erschließen jedoch bislang vernachlässigte Quellenbestände wie Internetforen, Interviews, Bildquellen, Lieder und Memoiren. Dabei wird auch gefragt, welches Potential diese Quellentypen haben und mit welchen methodischen Herausforderungen ihre Erschließung verbunden ist.