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Chronos Medizinische Behandlungen bei Pflegekindern
Pflegekinder leben ausserhalb des Elternhauses, beispielsweise in einer Pflegefamilie oder in einem Heim. Sie befinden sich in einer Ausnahmesituation, weshalb ihr Recht auf Partizipation von besonderer Bedeutung ist. Dabei ist die Mitwirkung von Pflegekindern bei medizinischen Behandlungen als einem zentralen Lebensbereich besonders wichtig, was in der Praxis aber oft unzureichend umgesetzt wird. Die Arbeit analysiert die medizinische Unterversorgung von Pflegekindern aus rechtlicher Perspektive und skizziert Lösungsmöglichkeiten, wie ihre medizinische Versorgung verbessert werden kann. Sie zeigt die bestehenden Unsicherheiten bei Entscheidungszuständigkeiten und Informationsflüssen zwischen Herkunftseltern, Pflegeeltern respektive Heimerziehenden, Ärzt*innen und weiteren Beteiligten auf. Wer darf über eine Behandlung entscheiden? Wer erhält welche Informationen? Und vor allem: Wie können Pflegekinder mitwirken? Durch die Verbindung rechtlicher Analyse mit den Bedürfnissen der Praxis liefert die Arbeit konkrete Ansätze, wie die Rechte von Pflegekindern gestärkt, ihre Mitwirkung gefördert und eine kontinuierliche Gesundheitsversorgung sichergestellt werden können. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung des schweizerischen Kindesschutzrechts.
Chronos, die Personifikation der Zeit, fand in der Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts weite Verbreitung – sei es in Tafelbildern, in Deckengemälden, in der Druckgraphik oder der Skulptur. Das weite Einsatzspektrum dieser äußerst komplexen Figur bildet den Schwerpunkt der vorliegenden Untersuchung. Die Konfrontation mit der Erkenntnis des befristeten Lebens und der Fragilität jeder Existenz machte die Menschen im 17. und 18. Jahrhundert empfänglich für das Thema der Vergänglichkeit, das die destruktive Seite von Chronos in den Vordergrund stellt. Auf vielfältige Weise wird die Personifikation der Zeit als Zerstörer dargestellt: von menschlichem Leben, von Liebe, von materiellen Errungenschaften. Parallel zeigen Kunstwerke die positive Seite von Chronos, bei denen sich die Zeit als Helferfigur offenbart. In der Allegorie trägt so die Zeit den Ruhm des Herrschers über dessen Tod hinaus in die Zukunft. Ebenso bewahrt Chronos die Schöpfungen der neuzeitlichen Künstler vor dem Verfall und sichert deren Andenken in ihren bleibenden Werken. Im Buch wird eine bisher fehlende Systematik entwickelt, die von der Herkunft und Genese der Zeitfigur ausgeht und anhand von ausgewählten Beispielen die facettenreiche Verwendung der Zeitfigur in den Blick nimmt.
Gibt es ein digitales Graffiti? Was versteht man darunter? Wo und wie manifestieren sich Graffitis? Wohnt den digitalen Graffitis ebenso wie den realen der Aspekt der Rebellion inne? Wie manifestieren sich Schrift und Ästhetik als zentrale Grundlagen beider kreativer Kulturen? Und kann man in Graffitis, (Crack-)Intros und Demos von einer Befreiung der Worte sprechen? Der Begriff des digitalen Graffiti wird von unterschiedlichen Seiten beansprucht. Dieses Buch schlägt eine Definition mit historischem Bezug auf die Entwicklung digitaler Communitys vor. Dabei geht es nicht um den Transfer von Graffitikunst vom Analogen in die Augmented Reality, sondern um eine eigenständige Entwicklung, die mit der Digitalisierung Einzug gehalten hat und durch welche der Heimcomputer zum (digitalen) Experimentierfeld wurde. Die Einführung der Computermaus als Zeichentool sowie die grafischen Benutzeroberflächen (GUIs) im Jahr 1984 veränderten die Arbeitsweisen vollständig und gaben den digitalen Nerds dank neuer Bildbearbeitungssoftware neue ästhetische Möglichkeiten an die Hand. Sie nutzten diese mit kreativen Innovationen wie Logos in Motion als einer Art lebender Graffitis und endlosen Scroll-Schriften bis hin zu Echtzeit-3D-Schriften. Die Autoren schauen zurück auf die Werke der jugendlichen Cracker und der Demoszene aus den 1980er- und 1990er-Jahren, die als digitale Graffitis gelten können, weil sie viele Aspekte der analogen Graffitis in ihrem konzeptuellen und kreativen Prozess aufnahmen und gewisse Wirkungen mit ihnen teilten. Der direkte Vergleich zweier nicht besonders geschätzter Kulturen bringt retrospektiv ähnliche Motive, Motivationen, Strategien und künstlerische Gestaltungsweisen zum Vorschein.
Der Psychiater Moritz Tramer (1882–1963) war ein Pionier der Kinderpsychiatrie. Das neue Fachgebiet rückte Kinder erstmals ins Zentrum wissenschaftlichen Interesses. 1934 gründete Tramer die «Zeitschrift für Kinderpsychiatrie», deren Chefredaktor er bis 1963 blieb. Sie wurde in den Kriegsjahren ein Ort internationaler Vernetzung, der auch jüdischen Forscher:innen im Exil eine Plattform bot. Trotz ihrer pionierhaften Leistung erfuhren Moritz Tramer und seine Frau, die Psychologin und Pazifistin Franziska Baumgarten, nicht die erwünschte Anerkennung und sind bis heute erstaunlich unbekannt. Beide waren jüdisch und für ihr Studium aus Osteuropa nach Zürich gekommen. Kinderpsychiatrie war ein neues und kontroverses Feld, das Eltern und Schule mit einbezog, aber auch in Familienstrukturen eingriff. Ausgehend von Überlegungen zur «Volksgesundheit» engagierte sich Tramer in eugenischer Propaganda. 1937 gründete er aus der Überzeugung, dass Kinder nicht in die Erwachsenenpsychiatrie gehörten, die Kinderbeobachtungsstation «Gotthelfhaus» in Biberist, die internationale Beachtung fand. Die von Tramer gegründete «Zeitschrift für Kinderpsychiatrie» war interdisziplinär; es wurden auch Beiträge aus der Psychologie, Psychoanalyse, Psychohygiene und (Heil-)Pädagogik abgedruckt. Eine besondere Bedeutung kam den Kinderzeichnungen zu, die als eine Sprache verstanden wurden, die Kindern zur Verfügung stand, und zugleich als ein Schema, nach dem sie taxiert werden konnten.
Die ersten Ingenieure waren Spezialisten des Festungsbaus. Sie planten moderne Stadtbefestigungen, die feindliche Artilleriegeschosse mit Vorfeldern, Gräben und fünfeckigen Bastionen abwehren sollten. Zudem wurde ihr Wissen auch eingesetzt, um genaue Kenntnis des Geländes zu erhalten. Die Ingenieure skizzierten Karten mit Informationen darüber; welche Brücken zu zerstören waren, wo man Flüsse mit Schiffen überqueren konnte oder wo man Schanzwerkzeuge für den Bau von Hindernissen dezentral bereitstellen musste. Später ergaben sich immer mehr zivile Aufgaben, im Bereich des Wasserbaus (Warentransports auf den Flüssen und Seen) oder im Bereich des Strassen- und Eisenbahnbaus. Genf war damals exponierter als andere Städte der Eidgenossenschaft. Der Ausbau der Stadtbefestigung begann etwa 1530 und dauerte bis 1750. Beschäftigt waren mehr als 70 Fachleute, darunter etwa 50 Ingenieure. Meist wurden sie aufgrund ihres guten Rufs aus dem Ausland beigezogen. Das geschah auch in Basel mit Daniel Specklin, in Zürich mit Johannes Ardüser und in Bern mit Valentin Friedrich. Schulen gab es noch keine, man lernte bei einem Meister oder erwarb sich Kenntnisse in «Militärarchitektur» an der Hand des Vaters. Das Buch geht der Frage nach, wer die ersten Ingenieure der Schweiz waren, wo sie wirkten und wie sich deren Aufgabenbereiche im Laufe der Zeit wandelten.
Geächtet von der reformierten Zürcher Obrigkeit, geliebt von den Pietisten und geduldet von der St. Galler Fürstabtei – die Orgel im Toggenburg des 18. Jahrhunderts findet nicht nur in der Kirche ihren festen Platz, sondern auch in der Firstkammer des Toggenburger Hauses als Ausstattungselement des familiären Versammlungs- und Andachtsraums. So entwickelt sich mitten im grössten Spannungsfeld der konfessionell gespaltenen Eidgenossenschaft eine lokale Tradition des Orgelbaus. Kein anderes Musikinstrument ist so in den kirchen- und kunsthistorischen Kontext eingebunden wie die Orgel. Sie ist der geistlichen Musik verpflichtet und dient der christlichen Erbauung, wo immer sie dem Verdacht gegen alle Musik entgehen kann, nur Anlass zur Zerstreuung und Ablenkung von der Sorge um das Seelenheil zu sein. Das macht sie zu einem Symptom politischer und kultureller Gegebenheiten in einer Zeit, wo der Streit der Konfessionen noch einmal aufflammt. Die Untersuchung nähert sich der Geschichte der Toggenburger Orgel unter dem Blickwinkel verschiedener Disziplinen.
Ich wollte aber wissen, warum sie in einem Loch versank und verlöschte. Warum aus dieser sinnlichen, sprühenden Frau die Greisin wurde, die an ihren Seelenschmerzen zerbrach. Ich wollte wissen, was aus der Liebe geworden war, die ich als Kind spürte, wenn ich meine Grosseltern wie ein Wesen auf dem schmalen Sofa fand, schlafend.' Susanna Schwager führt uns zurück in die Kindheit und Jugend einer Generation, die daran ist, uns zu verlassen. Dort, in einer armen Grossfamilie aus dem Solothurnischen, beginnt die Geschichte von Hildi Meister, der Frau des Metzgers. Zu ihr, der Schweigsamen, die vor fünfzehn Jahren starb, führt uns ein Geflecht von Stimmen, die sich erinnern, wie sie als Kind mitten in einer Schar von Geschwistern aufwuchs, wie sie als Jugendliche in der Fabrik arbeitete, um den dringend benötigten Lohn nach Hause zu bringen. Von der Unwissenheit beim Erwachsenwerden ist die Rede, vom Tändeln und von der ersten Liebe, vom Kinderkriegen und vom Heiratenmüssen. Und dann kam das Leben an der Seite von Hans Meister, dem jungen Metzgerburschen, der ganz unten anfing und sie, als es bergauf ging, vom Dorf in die Stadt verpflanzte. Eine Familie wurde gegründet, ein eigenes Geschäft. Wer war diese Frau und wer wurde sie? Unter dem Erzählen der Stimmen, die sich überkreuzen und verknoten, formen sich die zeitgeschichtlichen Bilder, die Person scheint uneinholbar.
1796 wurde Pankraz Vorster gegen seinen Willen zum Fürstabt von St. Gallen gewählt. Aber im dortigen Kloster verbrachte er nur eine kurze Zeit. Nach dem Einfall der französischen Truppen musste er, mit Ausnahme eines einzigen Rückkehrversuchs 1799, den Rest seines Lebens Zuflucht im Aus- und Inland suchen. Die in diesem Band präsentierten Quellenbestände ermöglichen einen umfassenden Einblick in das Leben eines Fürstabts ohne Fürstabtei, eines Klostervorstehers im fremden Kloster, eines St. Gallers im Aargau. Während seiner Reisen sowie längerer und kürzerer Aufenthalte in Ebringen, Wien, Arth oder – zuletzt – Muri, führte Pankraz Vorster bis zu seinem Tod 1829 nicht nur ein privates Tagebuch, sondern pflegte auch regelmässigen Briefverkehr mit Korrespondenten und Korrespondentinnen in ganz Europa. Auch in den letzten zehn Jahren seines Lebens, die er zurückgezogen im Kloster Muri verbrachte, erhielt er die (vermehrt schriftlichen) Kontakte ausser- und innerhalb der Klostermauern aufrecht. Aus diesem breiten Beziehungsgeflecht entstanden wiederum Briefe und Tagebucheinträge zu Pankraz Vorsters Person und Alltag – eine aussergewöhnliche Vielfalt von Perspektiven auf das Leben des letzten Fürstabts von St. Gallen, das er nicht als Abt beschloss, sondern vielmehr als Lehrer, Naturwissenschaftler, Stifter und Wohltäter.
Der Schriftsteller Meinrad Inglin (1893–1971) durchlief einen schwierigen Bildungsweg. Er besuchte verschiedene Abteilungen des Kollegiums Maria Hilf, der Mittelschule in seinem Heimatort Schwyz, ohne die Ausbildung abzuschliessen, und auch Versuche in praktischen Berufen (Uhrmacher, Kellner) brach er ab. Ohne Matur gelang ihm, was er selber als Meisterstreich betrachtete: die Immatrikulation an der Universität Neuenburg. Von 1913 bis 1920 studierte er dort und an den Universitäten Genf und Bern Literaturgeschichte und Psychologie und beschäftigte sich rege mit weltanschaulichen, religiösen und ästhetischen Fragen. Inglins Überlegungen finden ihren Niederschlag in seinem Tagebuch und in weiteren schriftlichen Zeugnissen. Mit kritischem Spürsinn stürzt er sich ins intellektuelle Abenteuer und nimmt zu den geistigen Strömungen seiner Zeit Stellung, zu Nietzsche oder zu Freud etwa, aber auch zu Positionen der Tradition, insbesondere zum einseitig moralistischen Denken im katholischen Milieu. Es ist erstaunlich,wie er, der einst schlechte Mittelschüler; sich in intellektuelle Abenteuer einarbeiten konnte. Das Tagebuch zeigt, dass er sich in dieser Zeit mit verschiedenen Denkformen herumzuschlagen wusste. Eine starke Bezugsfigur ist Dominikus Abury, Philosophielehrer am Kollegium Schwyz, ein Förderer und Mentor aus frühen Tagen.
Welche Bedeutung hatte das Kunstschaffen in der Klinik für Patientinnen und Patienten? In welcher Form haben sie sich künstlerisch geäussert? Und welche Bedeutung hatten die entstandenen Werke für die behandelnden Ärzte? In dieser Publikation werden unterschiedliche Denk- und Forschungsansätze aus der Psychiatrie, Medizin, Geschichte und Kunstwissenschaft zusammengebracht. Die Psychiatrische Klinik Münsterlingen, gegründet 1840, ist eine der ältesten in der Schweiz und feiert 2015 ihr 175-Jahr-Jubiläum. Im Thurgau bedeutete "von der Seeseite" die Herkunft von der unmittelbar am Seeufer gelegenen Heil- und Pflegeanstalt. In den Krankenakten der Klinik finden sich 249 Zeichnungen von Patientinnen und Patienten aus dem Zeitraum 1894 bis 1960. Vor allem die Psychiater Hermann Rorschach, 1909 bis 1913 Assistenzarzt, und Roland Kuhn, 1939 bis 1980 Oberarzt und später Direktor in Münsterlingen, bewahrten die Zeichnungen auf. Für die Patientinnen und Patienten bedeutete das Zeichnen eine Form der Selbstgestaltung, des Pläneschmiedens und Nachdenkens; es bedeutete, sich Gesellschaft zu erfinden. Es stand für Bildung, Professionalität und Kunst und war Ausdruck des Wunsches nach Teilhabe am öffentlichen Leben. Nur vermeintlich im Abseits entstanden, zeichnet der Bestand aus Münsterlingen so ein scharfes Zeitbild der Schweiz. Die Werke, ebenso wie eine Auswahl von Werken aus dem Nachlass Hermann Rorschachs, werden hier erstmals vorgestellt.
Chronos Von Erasmus bis zum Sonderbundskrieg, Sachbücher
Das Gebiet der heutigen Schweiz war für die Reformation und ihre weltweite Ausstrahlung von grosser Bedeutung. Ein personelles Geflecht von Humanisten und Pfarrern, unterstützt von Bauern, Zünften und Stadträten, gab der Bewegung im 16. Jahrhundert nachhaltigen Schwung und wirkte bis weit über die Landesgrenzen hinaus. Zentrale Protagonisten waren der Basler Humanist Erasmus von Rotterdam, die Zürcher Pfarrer Ulrich Zwingli und Heinrich Bullinger sowie Johannes Calvin in Genf, dessen Einfluss insbesondere in den USA bis heute spürbar bleibt. Vom verheerenden Dreissigjährigen Krieg blieb die Eidgenossenschaft grösstenteils verschont, die Konfessionalisierung war aber auch hierzulande kein konfliktfreier Prozess. Den Abschluss dieser Auseinandersetzungen bildete der Sonderbundskrieg 1847, der zumindest indirekt die Basis für den Schweizer Bundesstaat legte. Mit Beiträgen von Christine Christ-von Wedel, Josef Lang, Thomas Lau, Peter Opitz, Jürgen Overhoff und Andrea Strübind.
1975 steckt die Schweiz in einer Krise. Um den steigenden Arbeitslosenzahlen zu begegnen, wird die obligatorische Arbeitslosenversicherung eingeführt. Zur selben Zeit entstehen selbstorganisierte Gruppen von Arbeitslosen, die sich Arbeitslosenausschüsse nennen. Beharrlich protestieren sie gegen Verschlechterungen bei der Arbeitslosenversicherung, auch in den folgenden Krisen der 1980er- und 90er-Jahre. Dieses Buch erzählt die Geschichte der Arbeitslosigkeit aus der Sicht der Betroffenen während einer entscheidenden Übergangsphase der Industriegesellschaft. Was bedeutet soziale Sicherheit für Arbeitslose? Die Geschichte des Sozialstaates stellte lange Zeit die rechtlichen und institutionellen Entwicklungen ins Zentrum, auch bei der Arbeitslosenversicherung. Eine Geschichte der Arbeitslosigkeit kann jedoch nicht ohne die Arbeitslosen geschrieben werden. Deren Beziehung zum Sozialstaat wird hier am Beispiel von fünf Arbeitslosenausschüssen in der Deutschschweiz und der Romandie bis ins Jahr 2002 untersucht. Wie interagierten die Ausschüsse mit den Behörden? Wogegen wandten sich ihre Proteste? Die Arbeitslosenausschüsse kritisierten, dass der Sozialstaat nicht nur sichere, sondern auch verunsichern könne. Um dem entgegenzuwirken, schlossen sich Arbeitslose zusammen, ergriffen Referenden und bauten Beratungsstellen auf, die selbst Teil der Sozialpolitik wurden.
Das Fachbuch "RoSe 125" ist eine umfassende Dokumentation über die Geschichte und Entwicklung des Romanischen Seminars (RoSe) an der Universität Zürich. Gegründet im Jahr 1872, ist das Seminar eine zentrale Institution für die Philologie Romane in der Schweiz und hat sich über 125 Jahre hinweg der Lehre und Forschung in den romanischen Sprachen und Literaturen gewidmet. Der Band vereint Beiträge von verschiedenen Mitgliedern des RoSe und bietet einen tiefen Einblick in die evolutionäre Reise dieser akademischen Einrichtung. Die Publikation reflektiert nicht nur die spezifische Entwicklung des RoSe, sondern auch die Besonderheiten der romanischen Sprachlandschaft in der Schweiz, wo mehrere romanische Sprachen und Dialekte koexistieren. Die Vielfalt der Beiträge in mehreren Sprachen, darunter Deutsch, Französisch, Italienisch und Spanisch, macht dieses Werk zu einer wertvollen Referenz für Studierende und Forschende der romanischen Philologie.
Plötzlich ist einer da. Niemand weiss, woher er gekommen ist. Er scheint keinen Namen zu haben, kein Vorleben, kann weder schreiben noch sprechen und versteht keine der Fragen, die man ihm stellt. Ein solcher Mensch ist im September 1844 auf Alp Selun im oberen Toggenburg aufgetaucht. Er war vielleicht sechzehnjährig, fast nackt, stumm. Weil sich trotz steckbrieflicher Ausschreibung keine Angehörigen meldeten, wurde er im Armenhaus interniert. Seinen Namen erhielt er vom Fundort, dem Selun und dem Schutzpatron der Gemeinde Alt St. Johann. Von diesem Johannes Seluner und den Geschichten um seine Person erzählt Rea Brändle in ihrem Buch. Sie tut es aus verschiedenen Perspektiven: Für die Behörden war Johannes Seluner ein Kostenfaktor, den man so schnell wie möglich loswerden wollte. Für die Wissenschaft war er, mit seinen Behinderungen, ein nützlicher Idiot. Und für die Leute wurde er, weit über die Region hinaus, ein gefundenes Fressen für fantastische Geschichten – bis heute.
Richard Dindo (1944–2025) ist ein herausragender Exponent des Schweizer Dokumentarfilms. Mit «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.» hat er tief auf das helvetische Selbstverständnis eingewirkt. Öffentlich aufgerüttelt haben auch «Schweizer im Spanischen Bürgerkrieg» und Untersuchungen zum gewaltsamen Tod von Jugendlichen in den 1980er-Jahren («Dani, Michi, Renato & Max», «Verhör und Tod in Winterthur»). Dindos Motivation galt der Erinnerung an Widerständige, an Rebellen und Träumer, oft mit Blick auf deren utopisches Potenzial. Mehr und mehr ist er dabei in autobiografischem Material fündig geworden: bei Max Frisch vorab, bei Jean Genet, Ernesto «Che» Guevara, Arthur Rimbaud, Max Haufler, Charlotte Salomon, Henri Matisse oder Paul Gauguin. Bislang hat eine eingehende Darstellung von Dindos Methode filmischer Rekonstruktion von Erinnerung gefehlt. Ausgehend von seiner Prämisse, dass Nichterinnerung Selbstzerstörung ist, erhellt dieser Streifzug durch das OEuvre seine Bedeutung und Vielseitigkeit.
Seit die Zürcher Stadtbibliothek mit der Kantonsbibliothek vereinigt wurde, besitzt Zürich eine Zentralbibliothek (ZBZ). Diese nahm 1917 ihren Betrieb in einem Neubau auf. Das Buch verfolgt die Geschichte der Bibliothek, die sowohl der Wissenschaft als auch dem breiten Publikum zu dienen hat, von den Anfängen bis heute. Die bauliche Ausgestaltung und Entwicklung des Hauses sind ebenso Thema wie die Rekrutierung und Ausbildung des Personals, die Probleme der Katalogisierung und Computerisierung, das Wachstum der zahlreichen Sammlungen - die Zentralbibliothek besitzt nicht nur Bücher - und die Veränderungen der Trägerschaft. Dabei wird auch klar, wie stark sich die Bibliotheken heute im Umbruch befinden und mit welchen gewaltigen Herausforderungen sie sich konfrontiert sehen. Aus den Texten der fünf Autorinnen und Autoren ist ein reichhaltig illustriertes und sorgfältig gestaltetes Buch entstanden.
Über die Siedlungsnamen im Kanton Zürich lassen sich Einblicke in die Besiedlung des Kantonsgebiets gewinnen. Manche der Namen erzählen von Tieren, die lange als ausgestorben galten, von einstigen Wäldern, früheren Kulturtechniken und von vielem mehr. Fast jeder Siedlungsname gibt etwas preis: den Namen einstiger Bewohnerinnen und Bewohner, die Sprache der Namengebenden, was dort angebaut wurde, wie man den Boden verwaltete und die Landschaft erlebte, bisweilen sogar Sehnsüchte; die man mit einer Siedlung verband. Obwohl Siedlungsnamen Orte benennen, sind sie doch unmittelbar mit den Menschen verbunden, durch die die Orte zu ihren Namen kamen. So bewahren sie die Erinnerung an längst Vergangenes, ja sie erinnern in gewisser Weise auch an die Gedanken der Namengeberinnen und Namengeber. In diesem Buch werden in zwölf Kapiteln fast 2000 Siedlungsnamen des Kantons Zürich nach Bezirken historisch verortet und namenkundlich erschlossen. Das Buch lädt zum namentlichen Durchstreifen des Kantonsgebiets ein. Über ein Register können zudem einzelne Siedlungsnamen schnell aufgefunden werden. Wissenschaftliche Grundlage des Buchs sind die auf ortsnamen.ch zugänglichen Ergebnisse des Forschungsprojekts «Die Siedlungsnamen des Kantons Zürich»; das von 2016 bis 2022 an der Universität Zürich und beim Schweizerdeutschen Wörterbuch durchgeführt wurde.
Schwetzingen diente dem kurpfälzischen Hofstaat während der Mannheimer Regierungszeit des Kurfürstenpaares Carl Theodor von der Pfalz und Elisabeth Augusta (1742–1777) regelmässig als Sommerresidenz. Zeitgleich mit dem Einsetzen der Arbeiten an einer weitläufigen Gartenanlage beim Lustschloss begann man im Sommer 1753 im neu erbauten, der Pflege pastoraler Stücke gewidmeten Theater Opern aufzuführen, die in besonderer Weise Naturschauplätze favorisierten. Zeitgenossen sahen im Schwetzinger Schlossgarten die Naturzustände «sauvage», «champêtre» und «cultivé» vorbildlich zusammengeführt. Die Autorin untersucht anhand dieser drei Kategorien die musiktheatral vermittelten Konzepte und Wahrnehmungen von Natur. Basierend auf Libretti, Musik und teilweise erstmals veröffentlichten Bühnenbildentwürfen der kurpfälzischen Theaterarchitekten nimmt sie Gartenkunst und Opernbühne wechselweise in den Blick und erschliesst damit einen neuen Zugang zum Verständnis historischer Gartenanlagen.
Waren die Urnerinnen und Urner besonders gewalttätig? Mit Sicherheit nicht. Die Zahl der vor Gericht verhandelten Gewaltdelikte lag eher unter dem schweizerischen Mittel. Gerade deshalb erlaubt dieses Buch Einblicke in die unspektakuläre Seite alltäglicher physischer Gewalt, in die Wert- und Normvorstellungen der Menschen jener Zeit sowie in die institutionellen und diskursiven Strategien der Verschleierung, der Dramatisierung oder der Dämonisierung einzelner Gewaltformen. Gewalt ist nicht das 'Andere der Kultur'. Gewalttätiges Handeln ist mehr als das Hervorbrechen angestauter Triebe. In der vorliegenden Studie wird Gewalt konsequent als soziales Handeln verstanden: sie folgt Regeln, ist in spezifischen sozialen Kontexten verortet, evoziert kulturelle Bilder und Vorstellungen und hat konkrete materielle, physische und psychische Folgen für die Involvierten. Gewalt ist ausserdem kein einheitliches Phänomen: je nach Situation und Form von Gewalt steht Verschiedenes auf dem Spiel, hat der Einsatz gewaltsamer Mittel unterschiedliche Effekte und Bedeutungen. In diesem Sinn untersucht und vergleicht die Studie Ehr- und Schlaghändel, nächtliche Raufereien, häusliche Gewalt gegen Kinder und Ehefrauen sowie sexuelle Gewalt. In behutsamen Fallanalysen wird nahe an den Quellentexten die Vielschichtigkeit gewalthafter Konflikte freigelegt. Sichtbar werden dabei Dauerhaftes und Veränderbares sowie Widersprüche und Überlappungen der Ebenen sozialer 'Wirklichkeit', das heisst zwischen juristisch-normativen Vorgaben, geschlechtsspezifischen Konstruktionen, kulturellen Phantasien, spezifischen Gewaltpraktiken, materiellen Interessen sowie der subjektiven Erfahrung der Beteiligten. Die detailreiche Arbeit über das Verhältnis von Gewalt und Geschlecht entfaltet zudem vielfältige Bezüge zur Alltags- und Sozialgeschichte einer alpin-bäuerlichen Gesellschaft in der wirtschaftlich-kulturellen Umbruchzeit des 19. Jahrhunderts.