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Chronos Deindustrialisierung
Das Heft widmet sich einem Forschungsfeld, das international an Bedeutung gewinnt, für die Schweiz aber noch wenig bearbeitet wurde: den Deindustrialisierungsstudien. Seit der Weltwirtschaftskrise der 1970er-Jahre zeichnet sich in der Mehrzahl der sogenannten Industrieländer ein markanter Bedeutungsverlust der Industrie ab. An diese kollektiven Erfahrungen knüpfen die Deindustrialisierungsstudien an, die auf methodisch vielfältige Weise die Umstände und Folgen dieses Wandels untersuchen. Dabei wird das Phänomen keineswegs als Einbahnstrasse verstanden: Das Interesse gilt stets auch Reindustrialisierungprozessen. Die Beiträge analysieren die komplexe, seit dem frühen 19. Jahrhundert wirksame Dynamik von De- und Reindustrialisierung in Fallstudien zur Schweiz, Deutschland und Frankreich. Sie fangen die Wechselwirkungen von Bildung, Auflösung und Neubildung industrieller Arbeits- und Lebensbedingungen ein und begreifen diese Prozesse als umstrittenes Terrain voller unterschiedlicher Interessen und Akteur*innen. So tragen sie dazu bei, den Begriff nicht als blosse Epochenbezeichnung für die Entwicklungen im globalen Norden seit den 1970er-Jahren zu nutzen, sondern ihn analytisch zu schärfen.
Hottingen betritt man von der Stadt her über den «Pfauen», das Schauspielhaus wirkt wie ein Tor zum sonnenverwöhnten Stadtquartier. Es reicht über den Römerhof hinaus bis zum Hotel Dolder Grand. Beim Stadelhofen kommt das Quartier dem See nahe, im Hottinger Wald befindet sich der weit vom Zentrum entfernte Loorenkopf mit seinem Aussichtsturm. An den Hängen des Adlisbergs lebten und arbeiteten Menschen, die schon im alten Zürich politisch und wirtschaftlich stark mit der Stadt verbunden waren. 1893 schloss sich die bisher eigenständige Gemeinde «Gross-Zürich» an. Neben Gottfried Keller und Johanna Spyri wohnten Elias Canetti und Urs Widmer sowie viele andere Kulturschaffende und Hochschulangehörige in Hottingen. Dies und die topografische Lage zogen schon früh auch Vertreter des gehobenen Bürgertums an. Die Zentrums- und Hochschulnähe bewirkte im 20. Jahrhundert eine rasante Zunahme der Arbeitsplätze zulasten des Wohnraums. Die Folge waren massive Steigerungen von Immobilienpreisen und Mieten, was zu einer sozialen Entmischung führte. Die vorliegende Publikation ist eine Neuausgabe der im Jahr 2000 erschienenen Hottinger Geschichte. Sie wurde durch ein Kapitel über die Entwicklung im 20. Jahrhundert ergänzt.
«Wäre er nicht im nördlichsten Sibirien interniert gewesen …»; notierte ein Beamter im Mai 1928 auf der Rückseite einer fremdenpolizeilichen Akte. Davor und danach lokalisierten ihn die Verzeichnisse der deutschen Militärbürokratie, die Listen der russländischen Lagerverwaltung, die Protokolle humanitärer Organisationen, die Akten zahlreicher Einwohnerämter und die Dossiers der schweizerischen Migrationsbehörden. Sie gaben ihm meistens eine Nummer, um ihn in den Papieren wieder zu finden, und eine Adresse. So hielten amtliche und private Schreibstuben die Stationen seines bewegten Lebenslaufs fest und formatierten dabei ein Papierleben, das vom Weltkrieg, vom Untergang dreier Kaiserreiche und von weltgesellschaftlichen Veränderungen geprägt war.
Bildungssysteme unterliegen dem historischen Zusammenspiel von Kontinuität und Wandel. Sie weisen zeitspezifische Ausprägungen auf, die nur im Rahmen der jeweiligen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Kontexte zu verstehen sind. Gleichzeitig zeichnen sich Bildungssysteme durch ihren doppelten Auftrag der Überlieferung der Kultur an die heranwachsenden Generationen und deren Vorbereitung auf eine sich verändernde Gesellschaft aus. Als funktionale Teilsysteme einer Gesellschaft wandeln sie sich zwingend mit ihr. Der vorliegende Band zeichnet diese Veränderungen im Raum der deutschsprachigen Schweiz seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert nach. Er thematisiert die Entstehung der komplexen Strukturen der kantonalen Bildungssysteme und den zunehmenden Einfluss des Bundesstaats und zeigt auf, wie der für die Schweiz konstitutive Bildungsföderalismus zwar Bestand hat, aber immer wieder transformiert wird. Die Studie untersucht das Schweizer Bildungswesen über alle Schulstufen hinweg und widmet sich Querschnittsthemen, die im Lauf der Zeit immer wieder neu bearbeitet und verhandelt wurden: Genderfragen und konfessionelle Fragen, Fragen nach dem Verhältnis zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden oder nach den Aufgaben der Schule als gesellschaftliche «Problemlöseagentur».
Zu der vielbestaunten Astronomischen Uhr im Straßburger Münster; in den Jahren 1571–1574 neugestaltet, hat sich eine reiche Zahl originaler Texte aus der Entstehungszeit erhalten: amtliche Dokumente, Gedichte, Beschreibungen, Rechtfertigungsschriften. Sie geben ein faszinierendes Bild ebenso von den Absichten, Plänen und Programmen, die bei der Gestaltung des Uhrwerks wichtig waren, wie von den Wahrnehmungen und Wirkungen der Uhr, die den Zeitgenossen als Modell des Zeitlichen schlechthin galt. Der vorliegende Band versammelt die wichtigsten Texte des Jahrzehnts 1571–1580; darunter diejenigen des Konstrukteurs der Uhr Konrad Dasypodius, und bietet auch erstmals eine kommentierte Edition mit deutscher Übersetzung des anspruchsvollen lateinischen Lehrgedichts von Nicodemus Frischlin. Die Einleitung situiert die Uhr und die auf sie bezogenen Texte im Kontext des frühneuzeitlichen Interesses an den Medien und Medialitäten der Zeit.
Der Fortunatus, zuerst anonym 1509 in Augsburg publiziert, ist der wohl bedeutendste und wirkungsreichste Prosaroman der frühen Neuzeit. Er verknüpft Muster des Generationenromans mit Elementen des Reiseberichts, des Minne- und Abenteuerromans, des Exempels und der Novelle. Er kreist um die Frage: Wie kann man sich in einer von Spannungen und Begehrlichkeiten, von sozialen und ökonomischen Ambivalenzen geprägten Welt behaupten? Und wie lässt sich aus der Vielfalt und Kontingenz ein narrativer Sinn gewinnen? Das vorliegende Buch, ebenso textnah wie systematisch angelegt, sammelt das bis heute ermittelte Wissen über den Roman und entwickelt neue Perspektiven auf die Entstehungskontexte, die im Roman entworfenen Welten, die narrativen Logiken und die vielfältigen Rezeptionen der Geschichte bis ins 20. Jahrhundert hinein.
Die Werbung hatte schon immer einen etwas schlechten Ruf: Die ersten Emailleplaketten, die für Schokolade warben, wurden als «Reklamepest» verschrien, in den Dreissigerjahren beklagten sich Schweizer Werber über berufsbedingt verminderte Heiratschancen. Und als es in den Nachkriegsjahren wirtschaftlich aufwärtsging, handelten sie sich den Ruf ein, hemmungslose Manipulatoren zu sein. Die Darstellung des Werbers als schillernder Playboy wurde erst im Umfeld von Protest und Popart in den Sechzigerjahren denkbar. Gleichzeitig galt der Konsument lange als schwaches, beeinflussbares Objekt. Er wurde erst in den folgenden Jahrzehnten zunehmend als kritisches Gegenüber wahrgenommen, das den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit endlich gefunden hat – durch die Drehtür des Supermarkts. Das Buch schildert den Kampf der Schweizer Werbebranche um ihren Ruf und erzählt anhand des Wandels des ungleichen Figurenpaars Werber – Konsument eine Geschichte der Konsumgesellschaft der Schweiz im 20. Jahrhundert.
Die Auseinandersetzung mit der Dynamik der kulturellen und artistischen Übertragung hat in den Kultur- und Kunstwissenschaften der letzten Jahrzehnte einen eminenten, fachübergreifenden Forschungsschwerpunkt herausgebildet. Dabei geht es um Grundvorgänge der Kommunikation: um die Struktur und die internen Konflikte von Mitteilungen überhaupt. Von Transformation, Übersetzung, Übertragung ist die Rede, wenn Fragen der Überlieferung, der Wissensvermittlung, der Rhetorik, der Metapherntheorie, der Projektion, des Affekttransfers, der Zuordnung von Rechtsansprüchen, der Delegierung von Macht und der Medialität im Spiel sind. Der Band zeigt ein breites Spektrum wissenschaftlicher Disziplinen und Perspektiven, um das Feld widerständiger Kommunikationsvorgänge zu erkunden und den theoretischen wie künstlerischen Spielraum der Übertragungsdynamiken zu erschliessen. Bei allen spezifischen Differenzen.
'Diplomatenleben' von Chronos bietet einen tiefen Einblick in die Welt der Diplomatie, insbesondere aus der Perspektive der Schweiz seit dem Zweiten Weltkrieg. In rund sechzig Texten kommen verschiedene Stimmen zu Wort, darunter direkt Involvierte, Politiker, Historiker und Medienvertreter. Diese Vielfalt an Perspektiven ermöglicht es, die komplexen Konstellationen und Herausforderungen, mit denen Diplomaten konfrontiert sind, besser zu verstehen. Das Buch kombiniert informative Berichte mit kritischen staatspolitischen Analysen und bietet sowohl dramatische als auch humorvolle Einblicke in die diplomatische Praxis. Zudem werden literarische und künstlerische Auszüge integriert, die die Thematik auf ansprechende Weise bereichern. Dieses Fachbuch ist eine wertvolle Ressource für alle, die sich für Politik und internationale Beziehungen interessieren.
Energie - eine der wichtigsten Ressourcen der Gegenwart - nutzen wir täglich zum Heizen, Kochen, Beleuchten, Fortbewegen und Arbeiten. Neben der Endlichkeit der fossilen Energieträger sind in den letzten Jahren auch die mit den Energieregimen verbundenen Risiken vermehrt ins Bewusstsein gerückt. Gerade deshalb hat besonders die Energiegeschichte des 20. Jahrhunderts jüngst einen Aufschwung erlebt. Die einzelnen Beiträge zeichnen dabei nicht nur den ungestillten Energiehunger während des Wirtschaftsbooms nach dem Zweiten Weltkrieg nach, sondern gehen auch den Wurzeln des heutigen Energieregimes im 19. Jahrhundert nach. Thematisiert werden die wichtigsten Triebkräfte der Innovationen in der Wasserkraft, die Entwicklungslinien der Energieverwendung und des Energieverbrauchs im Verkehr und in der Landwirtschaft sowie die Auswirkungen eines mehrtägigen Stromausfalls auf die Gesellschaft.
Der Historiker Winfried Schulze plädierte 1992 dafür, die Quellengattung des Schreibens über sich selbst zu erweitern. Tagebüchern und Autobiografien stellte er sogenannte Ego-Dokumente zur Seite, Dokumente mit Aussagen oder Aussagepartikeln, die Auskunft geben über die Selbstwahrnehmung eines Menschen in seiner Familie, seiner Gemeinde, seinem Land oder seiner sozialen Schicht. Der Begriff Ego-Dokument ist heute in Geschichts- und Kulturwissenschaft etabliert. Schulzes Anregung, ihn weit zu fassen und auf Wechselwirkungen mit sozialem Wandel zu befragen, bleibt jedoch aktuell. Blogs und Profile in sozialen Medien, Google-Suchanfragen, Geheimdienstakten oder Zeitzeugeninterviews gehören zur Quellengattung der Ego-Dokumente, die mit Aussagen oder Aussagenpartikeln Auskunft über die Selbstwahrnehmung eines Menschen geben. Der vorliegende Band hinterfragt interdisziplinär Potenziale und Grenzen von wissenshistorischen und kulturwissenschaftlichen Untersuchungen, die sich auf Ego-Dokumente stützen. Wie kontextualisieren und interpretieren Kultur- und Geschichtswissenschaft neue (auto)biografische Gattungen, wie binden sie sie in wissenschaftliches Wissen ein? Führen neue Veröffentlichungsmöglichkeiten zu einer Erweiterung des Kreises der Geschichtsfähigen? Welche Veränderungen ergeben sich durch die technischen Neuerungen in den Medien? Und in welchen Beziehungen stehen Wissen, Medium und Dokument?.
Hatte die Französische Revolution einen Einfluss auf das Leben der Winterthurerinnen? Wer kümmerte sich um die Kinder, während ihre Mütter in der Blüte der Winterthurer Industrie in den Spinnereien arbeiteten? Wie sah der Alltag einer Krankenschwester im letzten Jahrhundert aus? Die Rollen der Frauen haben sich seit dem Mittelalter stark gewandelt. Der Verein Frauenstadtrundgang Winterthur geht seit bald zwanzig Jahren in Archiven, Bibliotheken und persönlichen Begegnungen Lebensspuren von Frauen nach. Das Leben und Wirken dieser in der Öffentlichkeit bekannten wie auch unbekannten Frauen präsentiert der Verein an Schauplätzen, mit denen die Frauen verknüpft sind, und lässt dadurch die Stadt Winterthur in neuem Licht erscheinen. Dieses Buch ist eine Entdeckungstour zu Ereignissen und Bewegungen, die zu neuen Frauenbildern geführt haben, und zeigt, wie der Verein Frauenstadtrundgang Winterthur Frauengeschichte(n) packend und authentisch erzählt.
Albert Minder (1879–1965) hat als Erster in der Schweiz das Leben seiner heimatlosen Vorfahren erforscht und erzählt. Seine Familiengeschichte bietet anschauliche Einblicke in eine nichtsesshafte Kultur und beschreibt die Armut in der Schweiz des 19. Jahrhunderts. Eindringlich und mit Humor erzählt, ist die «Korber-Chronik» ein wichtiges Zeugnis einer literarischen Selbstermächtigung. Sie behandelt so zeitlose und aktuelle Themen wie Herkunft, Familienbande, Arbeit und Armut. Mit Minder lässt sich eine Geschichte der Schweiz «von unten» entdecken: Er gibt fahrenden Heimatlosen und Siedlerfamilien im Berner Seeland eine Stimme, beschreibt aber auch den Überlebenskampf der armen Stadtbevölkerung in Bern und Burgdorf sowie die Arbeitswelt im Gefängnis und in Tabakfabriken. Indem er seine privaten Erinnerungen mit den politischen Ereignissen der Zeit verknüpft; schafft er ein lebendiges Bild des 19. Jahrhunderts. Erstmals 1947 erschienen, wird die «Korber-Chronik» durch diese Neuausgabe wieder greifbar. Ergänzt wird der Band durch Gedichte und einen Auszug aus Albert Minders erstem Buch «Der Sohn der Heimatlosen» von 1926. Ein Stellenkommentar und Nachworte der Herausgeberinnen erschliessen die historischen und biografischen Zusammenhänge. Eine Dokumentation zur Wirkungsgeschichte und zahlreiche Abbildungen runden den Band ab. Dabei erweitert sich das Panorama auf das 20. Jahrhundert: Albert Minder tritt als engagierter Vertreter einer Schweizer Arbeiterliteratur in Erscheinung.
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Antifeminismus ist eine Gegenbewegung. Antifeministische Ideen und Praktiken zirkulieren in dem Masse, in dem Frauen ihre Emanzipation fordern. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts beführworten Antifeministen eine Gesellschaft, die auf scheinbar «natürlichen» Hierarchien beruht. Antifeministische Diskurse gehören zu den wichtigsten kontinuierlichen Bestandteilen patriarchaler Gesellschaften, doch der Antifeminismus ist nicht homogen: Er ist ein globales Phänomen, das sich an nationale Rahmenbedingungen anpasst und je nach historischem Kontext in seiner Intensität und Ausprägung variiert. Es ist daher angemessener, von Antifeminismen zu sprechen, um die Vielfalt einer Protagonisten, Organisationen und Handlungsweisen hervorzuheben und so die komplexe Beziehung zwischen antifeministischen und feministischen Positionen zu differenzieren. Das Heft analysiert die Antifeminismen aus verschiedenen Perspektiven und beschäftigt sich mit Definitionsfragen, welche die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Antifeminismus, Misogynie und Sexismus problematisieren. Schliesslich lädt es zum Nachdenken darüber ein, wie Antifeminismus mit anderen Hassbewegungen wie Rassismus und Homophobie interagiert.
Ende der 1920er-Jahre erkranken in der Familie Fröhlich aus Oberglatt drei von vier Kindern an Tuberkulose – wie ihre Mutter zuvor auch. In der Schweiz herrscht die Weisse Pest. «Wer sagt mir, wie lange ein Mensch leben kann, so wie ich es jetzt tue? Das möchte ich wohl wissen und wo der Weg endet?», schreibt Emmy Fröhlich nach dem Ausbruch ihrer Krankheit. Und weiter: «Wer mit zwanzig Jahren auf dem toten Punkt angelangt ist, der ist wahrhaftig nicht zu beneiden. Wer so nervös und innerlich zerrissen ist, wie ich es bin, dem die Gedanken davonrennen in wilder Hast, dem der Verstand zu schwinden beginnt.» Bruder Hans und Schwester Gertrud teilen Emmys Schicksal und müssen über Monate und Jahre zur Kur in die Höhenluft nach Clavadel. Nur Gertrud überlebt und verwahrt die zahlreichen Briefe, welche die Geschwister zwischen 1928 und 1935 unter sich austauschen, bei sich zu Hause. Dieser Nachlass zeichnet ein getreues Bild von jungen Menschen, die an Tuberkulose erkranken und gezwungen sind, ein Leben zu führen zwischen Hoffen und Bangen.