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Chronos Arbeiten an der Peripherie
Ab 1980 kamen Computer vermehrt im Büro zum Einsatz. Es war das erste Mal, dass Benutzer:innen, die bisher von Digitaltechnik nichts zu wissen brauchten, in direkten Kontakt mit dieser Art Gerät traten. Am Beispiel der Schweizer Bundesverwaltung erzählt die Studie die Geschichte von Digitalisierungsprozessen, die mit der Einführung von PCs in Gang gesetzt wurden, und fragt, wie Computer an den Büroarbeitsplätzen des Bundespersonals zur Selbstverständlichkeit wurden. In den 1980er- und 1990er-Jahren machten es mikroelektronische Endgeräte und neue Vernetzungstechnologien möglich, administrative Tätigkeiten in den digitalen Raum zu verschieben. Damit die neuen Benutzer:innen eigenständig an Computern arbeiten konnten, waren subtile Disziplinierungen, organisatorische Vorkehrungen und eine rigorose Einschränkung der Handlungsmöglichkeiten am Rechner notwendig. Das Funktionieren der Verwaltung wiederum hing davon ab, dass mit der Verschiebung neuer Arbeitsbereiche hin zum Computer der Bezugsrahmen der analogen Praktiken nicht verloren ging. Dafür mussten die Informatikverantwortlichen der Bundesverwaltung Zuständigkeiten und Zugriffsrechte verteilen, Verfahren zur Dokumentation und Speicherung aushandeln und sicherstellen, dass Rechtskräftigkeit und Sicherheit auch bei Handlungen im Digitalen garantiert waren. Die Studie handelt von dieser Arbeit an der Schnittstelle zwischen Verwaltungswirklichkeit und einer zunehmend allgegenwärtigen und unverzichtbar werdenden digitalen Infrastruktur.
Werner M. Egli, Ingrid Tomkowiak: Berge als extreme Landschaften, Sinnbilder und Perspektiven. Aspekte eines paradoxen Faszinosums. Norman Backhaus: Alpensichten. Ein Landschaftsmodell zur Konfliktvermeidung. Roland Altenburger: Der heilige Gipfel des Ostens. Staatsritual, Pilgerschaft und Besichtigungstour auf dem Berg Tai. Christoph Eggenberger: Sinai, Tabor, Zion. Der Berg in der Malerei. Michael Andermatt: Transformationen des Sakralen. Zur Literarisierung des Berges von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Daria Pezzoli-Olgiati: Alpenbilder. Der Berg im Spiegel religiöser Praxis am Beispiel von Votivbildern aus dem 19. Jahrhundert. Werner M. Egli: Woher kommen die Findlinge? Wie die frühe Hochgebirgsforschung zur Erfindung der „primitiven Gesellschaft“ beitrug. Hans-Konrad Schmutz: Homo alpinus oder die vermessene Nation. Josette Baer: Das Tatra-Gebirge als Symbol der slowakischen nationalen und politischen Identität. Conradin A. Burga, Esther Frei, Romedi Reinalter, Gian-Reto Walther: Wenn Pflanzen in die Höhe wandern. Beobachtungen zur Flora von Berggipfeln der alpinen Stufe im Engadin.
Zürich zählte um 1880 zu den weltweit grössten Seidenstoffproduzenten. Doch die Nachfrage nach den uniformen «Zürcher Artikeln» schwand zusehends. Als die Branche die Mode zu ihrem Geschäft machen wollte, musste sie daher tiefgreifend umgestaltet werden. Denise Ruisinger schildert, wie an der Zürcherischen Seidenwebschule Textil- und Modewissen verstanden, gelehrt und interpretiert wurde, wie Dessinateure, Disponenten und Patroneure in die Fabriken einzogen, wie Unternehmen Modeinformationen einholten, sammelten und auswerteten und wie das firmeneigene Produktionsgedächtnis verwaltet und strategisch nutzbar gemacht wurde. Die Zürcher Seidenstoffindustrie erhielt eine neue Gestalt und entwickelte dabei eine ganz neue Praxis der industriellen Gestaltung ihrer Produkte.
Er liebte die Tiere mehr als alles andere. Als die Mutter starb, holte er sich die Wärme beim Hofhund. Sein Traum war es, Tierarzt zu werden. Hans M. wurde Metzger, einer bis ins Mark. Noch heute hört er den Kanonendonner, den der erste Weltkrieg vom Elsass bis ins Emmental trug. Und er erinnert sich an trommelnde Sozialisten, die kurz vor dem Landesstreik mit roten Fahnen am Miststock vorbeimarschierten. Der Bergbauernbub entging knapp dem Schicksal als Verdingkind. Und knapp entging er der Verzweiflung des Vaters. Das harte Leben im Krachen stählte seinen Willen. Er wollte vor allem eines: weg aus dem Tal. Weg vom Schinden, Hungern und Frieren. Eine Metzgerlehre war seine grosse Chance. So beginnt ein Leben, das ein steinalter Mann erzählt, mit unheimlicher Präzision und grosser Erzählkraft. 'Fleisch und Blut' bricht das 20. Jahrhundert wie ein Prisma und erzählt es wie ein Roman. Susanna Schwager stieg mit ihrem Grossvater in die Vergangenheit, fragte und stellte in Frage. Aus seinen glasklaren Erinnerungen fügte sie eine handfeste, manchmal drastische Geschichte voller poetischer Details.
1492 in der Nähe des Schlosses errichtet, war das Brenyhaus ursprünglich ein städtischer Adelssitz, bestehend aus Palas, Turm und Verbindungstrakt. Die adelige Familie von Hohenlandenberg erbaute und bewohnte ein halbes Jahrhundert das mächtige Bauensemble und lenkte in dieser Zeit die Geschicke der Stadt. Sie verfügte über ein Netzwerk, das weit in den ostschweizerischen und süddeutschen Adel reichte. Später befand sich das Haus mit seinem 29 Meter hohen Wohnturm im Besitz der Familie Göldlin von Tiefenau, die während der Reformationszeit aus Zürich eingewandert war. Ihrem Kunstsinn sind einige herausragende historische Objekte zu verdanken, die heute in Museen in Rapperswil, Zürich und Aachen aufbewahrt werden. Aus privater Hand ging das Gebäude im 20. Jahrhundert in den öffentlichen Besitz der Ortsgemeinde Rapperswil über und wurde als Heimatmuseum und nach einer Neuausrichtung ab 2012 als Stadtmuseum geführt. Museumsleiter Mark Wüst schildert die Geschichte dieses Hauses und thematisiert die facettenreichen Biografien seiner Bewohner und Bewohnerinnen. Denkmalpfleger Moritz Flury-Rova würdigt das Bauensemble aus kunsthistorischer Sicht und erläutert dessen Baugeschichte. Bemerkenswert ist, dass sich nicht nur das äussere Erscheinungsbild, sondern auch die innere Struktur der Bauten erstaunlich gut erhalten haben. 2011 wurden die beiden Gebäude durch einen modernen Zwischentrakt mit einer Fassade aus gelochter Baubronze ergänzt. Andreas Frank, Co-Architekt des Neubaus, beleuchtet Konzept und Ausführung dieses zeitgenössischen Baukörpers, der die Historie mit der Gegenwart auf einzigartige Weise verbindet.
Das Warenhaus scheint uns heute als Institution selbstverständlich. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jedoch veränderte es die Konsumgewohnheiten grundlegend. Moderne Basare hatten schon ein paar Jahrzehnte zuvor begonnen, die vom kleinen Einzelhändler dominierte Marktordnung zurückzudrängen. Doch mit der Erfindung des Warenhauses wurden die herkömmlichen Warenvertriebsformen umgewälzt, und Prachtbauten schufen eine neue Plattform für den hereinbrechenden Massenkonsum. In der Schweiz konnten sich die ersten Warenhäuser an der Schwelle zum 20. Jahrhundert etablieren. Die Mehrheit der helvetischen Warenhauspioniere stammte aus dem benachbarten Ausland, viele von ihnen waren jüdische Einwanderer. Namen wie Brann, Mandowsky, Pilz oder Knopf sind heute in Vergessenheit geraten, aber auch bestehende Häuser wie Loeb und Manor oder die 2005 aufgelöste Epa sind weitgehend unerforscht geblieben. Obschon beim Publikum beliebt, war das Warenhaus von Beginn an umstritten. Spätestens in den 1930er-Jahren wurde das für den Mittelstand angeblich existenzvernichtende Warenhaus Zielscheibe einer rechtsbürgerlichen Kampagne, die den Liberalismus der Gründerzeit suspendierte. 1933 verbot ein dringlicher Bundesbeschluss die Eröffnung und Erweiterung von Warenhäusern, Kaufhäusern, Einheitspreisgeschäften und Filialgeschäften. Das Buch thematisiert einen kaum erforschten Zweig der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Schweiz, der von einer jüdischen Minderheit mitgeprägt wurde. Die Darstellung vereint Aspekte der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, der Migrations- und der Architekturgeschichte.
Bildung für alle: Eine Schule für alle Kinder, auch für «schwierige» und «entwicklungsgehemmte», ist ein wichtiger Schlüssel der inklusiven Gesellschaft. Die Hochschule für Heilpädagogik in Zürich wurde vor hundert Jahren als Heilpädagogisches Seminar (HPS) gegründet und ist seither dem Ziel einer maximalen Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben verpflichtet. Mit der Eröffnung des Heilpädagogischen Seminars wurde 1924 in Zürich weltweit das erste Ausbildungsinstitut für Heilpädagogik auf universitärem Niveau geschaffen. Eine wichtige Rolle spielte dabei Heinrich Hanselmann, der das Seminar gründete und an der Universität Zürich auch den ersten europäischen Lehrstuhl für das Fach Heilpädagogik besetzte. Dank dieser sozialen und politischen Innovation bildet das HPS, seit 2001 als Hochschule für Heilpädagogik, Fachleute der Heil- und Sonderpädagogik aus. Standen zu Beginn vor allem finanzielle Probleme im Zentrum, bildeten später die verschiedenen Einsatz- und Therapiemöglichkeiten die Herausforderung. Und in jüngster Zeit gilt es, die Probleme rund um die Umsetzung der inklusiven Schule zu lösen, einer Schule, die auch Schülerinnen und Schüler mit besonderen pädagogischen Bedürfnissen in den Alltag der Regelschule integriert. Die Studie basiert auf Jahresberichten, Protokollen und weiteren Unterlagen der Institution und schliesst entsprechende wissenschaftsgeschichtliche Themen mit ein.
Die Zeit der Telegrafistinnen und Telegrafisten der Handelsmarine ist seit 1999 vorbei. Doch die Praxis der drahtlosen Telegrafie besteht auch ohne Funkoffiziere auf See und ohne Küstenfunkstellen weiter. Täglich werden Tausende von Verbindungen getätigt – nunmehr von Amateurfunkstationen. Die Telegrafie erfährt als technisches Steckenpferd für ehemalige und Hobbytelegrafisten eine globale Reamateurisierung und verwirklicht damit ihre eigene nostalgische Prospektion. Die drahtlose Telegrafie ist wieder experimentell und frei von pekuniärem Druck, sie knüpft an die ersten drahtlosen Versuche im 19. Jahrhundert an. Der Telegrafist transzendiert so die Figurationen der drahtlosen Telegrafie, und diese werden diachron. In der Würdigung als immaterielles Kulturerbe und in der reamateurisierten Praxis gewinnt die Telegrafie neue Bedeutung. In dieser Monografie werden die Zusammenhänge von Menschen, Dingen und Prozessen in der maritimen Handelstelegrafie erforscht, vom Aufstieg bis zur kommerziellen Obsoleszenz, ferner die laientelegrafische Schattengeschichte, also die Ereigniswelten der nichtkommerziellen Telegrafie, und das Fortbestehen der Telegrafie als technisches Hobby. Der Band leistet einen Beitrag zur kulturgeschichtlichen Erforschung der maritimen Telegrafistinnen und Telegrafisten im technologischen, vorstellungsweltlichen und materiellen Zeitlauf und beleuchtet damit den ersten elektrisch-binären – «digitalen» – Lebenszyklus der technologischen Kommunikation.
Die Arbeitstiere – in unseren Breitengraden Pferde, Esel, Maultiere, Hunde und Rinder – waren auf dem Land und in den grösser werdenden Städten allgegenwärtig. Sie waren in der untersuchten Zeit wichtige Teile des sozialen Lebens und hinterliessen Spuren in der Gesellschaft, in der von und mit ihnen geschaffenen Welt sowie in den Archiven. Aus ihren produktiven Potenzialen und aus den Bedingungen ihrer Reproduktion ergaben sich bestimmte Lebensformen, Wirtschaftsweisen und Raumordnungen. Das facettenreiche gemeinsame Leben der Menschen und ihrer Arbeitstiere sowie der von ihnen geteilte Raum sind bis anhin erst in Ansätzen als eine gemeinsame Geschichte wahrgenommen und geschrieben worden. Der Autor folgt den sozial-, agrar-, wirtschafts-, verkehrs- und kulturgeschichtlichen Fährten der Arbeitstiere durch die Gesellschaft. Auf diesen treffen wir nicht nur Tiere und Menschen an, sondern mit den mensch-tierlichen Gespannen jene Form der Kooperation, in der das Handeln und das Wirken beider zu einem vielfach evidenten Dritten wurde. Die damit verbundenen Fragen nach Vernunft, Intelligenz, Willen und nach Handlungsoder Wirkmacht der Tiere sind nicht neu. Sie haben die sich mit Tieren befassenden Akteur:innen seit je umgetrieben. Die Spuren führen weg vom gewöhnlich unterstellten Natur-Kultur- oder vom Subjekt-Objekt- Gegensatz und weg von den Prämissen der sogenannten anthropologischen Differenz in eine Welt, in der Menschen und Tiere nah miteinander verbunden waren und mehr voneinander wussten.
Seit zwanzig Jahren hat die aktuelle Schweizer Jazzmusik eine Heimat: das Schaffhauser Jazzfestival. An diesem Festival, auf der Bühne des Kulturzentrums Kammgarn, spielten seit 1990 über 1000 Musikerinnen und Musiker - innig und wild, konzeptionell und improvisiert, verwirrend und beglückend. Ihre Klänge leben in den Bildern fort, die dieses Fotobuch zeigt. Die Werkschau zeigt einige Highlights aus jedem Festivaljahr - eine einzigartige Dokumentation der Schweizer Jazzszene. Sie wird ergänzt durch vier Texte von bekannten Kennern dieser Musik: Peter Bürli, Pius Knüsel, Frank von Niederhäusern und Christian Rentsch.
Wie schützt der Staat die Gesellschaft vor Personen, die von den Behörden als «gefährlich» eingestuft werden? Wer sind diese Menschen und wie hat sich ihr Profil im Laufe der Zeit verändert? Die Studienbeiträge gehen diesen Fragen nach und weisen dabei unter anderem auf die Überschneidungen zwischen fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und dem Strafrecht hin. Der Band versammelt Beiträge mit geschichts- und rechtswissenschaftlicher sowie aktueller journalistischer Perspektive, die den Schutz der Gesellschaft vor «gefährlichen» oder «unerwünschten» Personen zum Thema haben. Die rechtshistorischen Entwicklungsstränge seit dem 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit Freiheitsentzug werden ebenso aufgezeigt wie die Kontinuitäten und Brüche; die sich im Übergang von den altrechtlichen administrativen Versorgung bis hin zur heutigen fürsorgerischen Unterbringung (FU) manifestieren. Auch das Zusammenspiel von Massnahmenvollzug und forensischer Psychiatrie im Kontext von Risikoevaluation und Rückfallprognosen bei Erwachsenen und Jugendlichen ist Thema verschiedener Beiträge. Die quantitativen Dimensionen des Strafvollzugs und grundrechtliche Aspekte des «Wegsperrens» werden aus rechtswissenschaftlicher und kriminologischer Sicht ausgelotet. Damit schliesst der Band an bestehende Untersuchungen zu administrativen Versorgungen und anderen Zwangsmassnahmen an, erweitert den Forschungsstand und leistet einen Beitrag zu aktuellen Diskussionen in Politik, Öffentlichkeit und Rechtswissenschaft.
Der Band «Eine Freundschaft» enthält im ersten Teil den Briefwechsel zwischen dem Philosophen und Dichter Jean Gebser und dem Historiker Jean Rudolf von Salis. Er beginnt im Jahr 1939, das Gebsers Lebensmitte markiert, und dokumentiert eine sehr persönliche, nahe Freundschaft bis zu Gebsers Tod 1973. Der Geschichts-professor und bestens vernetzte Chronist der Weltgeschichte und Politik zeigt sich dem eher verborgenen Deuter der Menschheitsgeschichte und «Geschichtsschreiber des Unsichtbaren», wie Gebser die Dichter nennt, tief verbunden. Der zweite Teil umfasst zwei Vorlesungen, «Zur Geschichte der Vorstellungen von Seele und Geist» (1946/47) und «Die neue Weltsicht» (1953/54), die Gebser am Institut für angewandte Psychologie in Zürich gehalten hat; die erste vor der Veröffentlichung des ersten Bandes seines Hauptwerks «Ursprung und Gegenwart», die zweite unmittelbar nach dem Abschluss des zweiten Bandes. Sie zeigen einen Autor, der sein Werk im mündlichen Kontakt mit dem Publikum entwirft und vergegenwärtigt. Die Distanz, die das Hauptwerk bewusst herstellt, fällt hier weg. Gerade darin liegt der heute noch spürbare Reiz dieser lebendigen Vorträge. Die Einführungen von Elmar Schübl und Rudolf Hämmerli geben dem Band den biografischen und philosophischen Kontext.
Das Heft widmet sich einem Forschungsfeld, das international an Bedeutung gewinnt, für die Schweiz aber noch wenig bearbeitet wurde: den Deindustrialisierungsstudien. Seit der Weltwirtschaftskrise der 1970er-Jahre zeichnet sich in der Mehrzahl der sogenannten Industrieländer ein markanter Bedeutungsverlust der Industrie ab. An diese kollektiven Erfahrungen knüpfen die Deindustrialisierungsstudien an, die auf methodisch vielfältige Weise die Umstände und Folgen dieses Wandels untersuchen. Dabei wird das Phänomen keineswegs als Einbahnstrasse verstanden: Das Interesse gilt stets auch Reindustrialisierungprozessen. Die Beiträge analysieren die komplexe, seit dem frühen 19. Jahrhundert wirksame Dynamik von De- und Reindustrialisierung in Fallstudien zur Schweiz, Deutschland und Frankreich. Sie fangen die Wechselwirkungen von Bildung, Auflösung und Neubildung industrieller Arbeits- und Lebensbedingungen ein und begreifen diese Prozesse als umstrittenes Terrain voller unterschiedlicher Interessen und Akteur*innen. So tragen sie dazu bei, den Begriff nicht als blosse Epochenbezeichnung für die Entwicklungen im globalen Norden seit den 1970er-Jahren zu nutzen, sondern ihn analytisch zu schärfen.
Das renommierte Schweizer Prêt-à-porter-Unternehmen Akris wurde 1922 in St. Gallen als Schürzenfabrik gegründet – von Alice Kriemler-Schoch (1896–1972). Vierzehn Tagebücher zeugen vom Alltag der engagierten Fabrikantin, die mitten in der Stadt Hühner hielt und kurz vor ihrem 63. Geburtstag die Fahrprüfung ablegte. Sie erweiterte das Unternehmen zur Kleiderfabrik, lotste es durch die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg – und verteidigte ihre Schürzenproduktion, bis das Schürzentragen aus der Mode kam. Zwischen 1946 und 1966 betrieb Akris eine kleine Schürzennäherei in Kriessern. Wie lebten diese Näherinnen? Wie wuchsen sie auf in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, als das Stadt-Land-Gefälle riesig und die Bildungschancen für Mädchen gering waren? Die Porträts der neun Rheintalerinnen geben Einblick in eine längst vergangene Welt, geprägt durch Kinderarbeit, Marienlieder, Armut und Autoritätsgläubigkeit. Die Mädchen hüteten Kühe und Kinder, stachen Äcker um und ernteten Erbsen. Als junge Frauen nähten sie Schürzen. Den Verdienst gaben sie zu Hause ab, eine Lehre lag nicht drin. Das gemeinsame Nähen im 'Büdeli' hat die Kriessnerinnen verbunden. Sie nannten sich 'Kriemlera' – nach ihrer Chefin Alice Kriemler-Schoch, die ihrerseits von den Kriessner 'Mädchen' sprach. Auch sie war auf einem kinderreichen Bauernhof aufgewachsen und hatte als Schürzennäherin begonnen.
Intersektionale Ansätze sind in den Geschichtswissenschaften keine Seltenheit mehr, und nachdem sie lange auf die Kategorien race/class/ gender reduziert worden waren, wandelte sich der Umgang mit den vermeintlich fixen Kategorien in den letzten Jahren. Es wurde deutlich, dass gerade diese intersektionale Analyseperspektive es ermöglicht, Untersuchungen von Hierarchisierungsmechanismen in ihrer Komplexität zu erhalten und Binnendifferenzierungen offenzulegen. Davon ausgehend fragt das Heft: «Wer MACHT Geschichte?» Als forschende Historiker:innen und Akteur:innen in der Geschichtsbildung und -vermittlung müssen wir darauf bedacht sein, ungleiche Machtteilhabe mit unseren Kategorienbildungen nicht zu reproduzieren und so zu perpetuieren, sondern diese sichtbar zu machen und kritisch zu reflektieren, um so langfristig zu ihrem Abbau beizutragen. Wie aber kann dies – an universitären wie ausseruniversitären Einrichtungen – aussehen, und welche Möglichkeiten und Schwierigkeiten ergeben sich? Die Beiträge des Heftschwerpunkts nähern sich diesen Fragen aus sehr unterschiedlichen Perspektiven, bieten Analysen, machen Vorschläge und fordern heraus.
Kellers fünf «Züricher Novellen» spielen in vielfältiger Weise in der lokalen Geschichte. Das Buch zeigt, dass sich das Lesen dieser Novellen lohnt, dass sich in ihnen Zartes, Humoristisches und Abgründiges findet und dass sie einen dichterisch gestalteten Einblick in die Geschichte vermitteln. «Hadlaub» schildert, wie der Minnedichter Johannes Hadlaub (um 1300) im Auftrag der Familie Manesse die «Manessische Liederhandschrift» verfasst und schliesslich die adelige Tochter Fides zur Frau gewinnt. Im «Narr von Manegg» (um 1400) erlebt man den Niedergang der Familie Manesse mitsamt ihrer Burg Manegg und die Rettung der «Manessischen Liederhandschrift». «Ursula» beschreibt, wie sich in den Wirren der Reformationszeit ein junger Mann und eine junge Frau zunächst auseinanderleben und dann doch zusammenfinden. Der «Landvogt von Greifensee» Salomon Landolt (1741–1818) sucht fünfmal bei zürcherischen Frauen vergeblich sein Eheglück, verbessert daneben als tüchtiger Militär das Zürcher Wehrwesen und fällt salomonische Urteile. Im «Fähnlein der sieben Aufrechten» erleben aufrechte Patrioten das Schützenfest in Aarau von 1849 und verhelfen unbeabsichtigt einem jungen Paar zu seinem Glück.
Die Forschung ist sich seit langem einig darüber, dass autonomieästhetisch geprägte Kategorien für die Beschreibung und die Beurteilung vormoderner Akte und Artefakte, die in besonders deutlicher Weise in lebensweltliche Zusammenhänge eingelassen sind, wenig Aufschlusskraft besitzen. Wenn aber Kriterien wie Fiktionalitätsbewusstsein, Autoreferenz, selbstreflexive Bezüglichkeit oder Unabhängigkeit von äusseren Vorgaben, die man in der Regel dem Paradigma der ästhetischen Autonomie zuschreibt, nicht oder nicht vorrangig greifen, um die ästhetische Valenz vormoderner Akte und Artefakte zu beschreiben, so ist zu fragen, von welchen alternativen Beschreibungskriterien auszugehen ist. Nach Antworten auf diese Frage wird anhand der Spezifik von Gebrauchstexten, das heisst anhand von Texten, die unmittelbar in Gebrauchszusammenhängen angesiedelt sind und dort pragmatische Funktionen übernehmen, gesucht. Denn zum einen führen Gebrauchstexte genau in jenen neuralgischen Bereich des methodisch schwer zu fassenden Interaktionsfeldes von Artefakt und Lebenswelt hinein, den die Forschung seit geraumer Zeit in ihr Forschungstableau des Ästhetischen zu integrieren sucht. Zum anderen scheint der Umgang mit Gebrauchstexten besonders geeignet, um die hartnäckigen Missverständnisse der Diskussion um ästhetische Autonomie beziehungsweise Heteronomie offenzulegen. Und schliesslich lässt sich anhand der Problematik von Gebrauchstexten der Beitrag der germanistisch-mediävistischen Fachdisziplin im Rahmen dieser Diskussion prominent nachzeichnen und weiterentwickeln.