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Chronos Symbol und Versprechen
Musterhäuser wurden über Jahrzehnte auf Welt-, Landes-, Bau- und Wohnausstellungen gezeigt. Nicht nur Architektur und Möbel sollten mit und in ihnen präsentiert werden – sie veranschaulichten zugleich gesellschaftliche Leitbilder und wurden oft für Propaganda instrumentalisiert. In den Musterhäusern verdichteten sich damit zeitgenössische Gestaltungsfragen und gesellschaftliche Debatten. Den Kern der vorliegenden Untersuchung bilden 26 Häuser, die zwischen 1896 und 1964 an Schweizer Ausstellungen gezeigt wurden, mit einem besonderen Fokus auf die Schweizerischen Ausstellungen für Frauenarbeit (Saffa).
Überall in Europa nahmen ab den 1880er-Jahren kommunale und private Elektrizitätswerke den Betrieb auf. Sie sorgten für die Beleuchtung öffentlicher Strassen und repräsentativer Bauten, verkauften die elektrische Energie insbesondere aber auch an Privatpersonen. Die Elektrifizierung des Haushalts, die damit einsetzte, brachte nebst Annehmlichkeiten verschiedene technische, ökonomische und soziale Probleme mit sich. Sie kreisten um die Frage, wie der Verkauf von Strom geregelt werden kann. Der Stromzähler löste diese Probleme und sorgte für Stabilität: Er übersetzte den Verbrauch von Elektrizität in Kilowattstunden, machte elektrische Energie fassbar, zählbar und kontrollierbar und schuf Vertrauen gegenüber der neuen Technik. Mit dem Anstieg des Stromkonsums nach 1900 wurden Einheitlichkeit und Vergleichbarkeit von Strompreisen zum wichtigen Faktor der Stromversorgung. Landis & Gyr, eine elektrotechnische Fabrik aus Zug, spezialisierte sich auf die industrielle Fertigung normierter Zähler für den Ausbau der Stromversorgung. Die Firma belieferte Elektrizitätswerke in der Schweiz und exportierte Millionen von Apparaten in die ganze Welt. Damit verkaufte Landis & Gyr nicht bloss ein technisches Bauteil für den Aufbau neuer Versorgungsnetze, sondern exportierte auch eine spezifische Messmethode, die bestimmte Verhaltensweisen der Kundinnen und Kunden, Kontrollroutinen und Genauigkeitsvorstellungen mit sich brachte. Der Zähler wurde damit zur wichtigen Schnittstelle zwischen Kraftwerk und Haushalt und trug wesentlich zur Alltäglichkeit von Elektrizität bei.
Die Reise in die Schweiz, eine mit der veränderten Naturempfindung im 18. Jahrhundert aufkommende Attraktion, wurde mit dem Ausbau der Verkehrsmittel und -wege seit dem 19. Jahrhundert zum touristischen Massenphänomen. In welcher Weise wurden die einheimischen Künstler vom Zustrom der Fremden beeinflusst? Übernahmen sie deren Sichtweise, setzten sie kritische Akzente oder verhielten sie sich gleichgültig? Sahen sie sich als Promotoren des Tourismus oder warnten sie vor seinen schädlichen Einflüssen? Wie veränderte der Fremdenverkehr die Produktions- und Rezeptionsweise der Künste? Einige der im vorliegenden Band versammelten Beiträge sind Überblicksdarstellungen, andere gehen diesen Fragen anhand ausgewählter Beispiele aus Literatur, bildender Kunst und Musik nach. Analysiert werden Werke und Texte unterschiedlicher ästhetischer Höhenlage, in denen die Auseinandersetzung mit dem Modernen.
Schmerz ist eine komplexe Sinnesempfindung und als solche von naturwissenschaftlichen Gegebenheiten der Anatomie und Physiologie bestimmt. Dennoch hat jeder Schmerz eine subjektive Erlebnisperspektive, die sogar das Spezifische am Schmerz zu sein scheint: Es fühlt sich auf eine gewisse Weise an, Schmerzen zu haben. Das Buch spannt einen Bogen von den anatomischen und physiologischen Voraussetzungen der Schmerzempfindung über unterschiedliche medizinische Methoden der Schmerzbekämpfung bis zur gestalterischen Auseinandersetzung mit Schmerz in Literatur und Kunst.
Diese breit angelegte Monographie über eine 500-Seelen-Gemeinde im solothurnischen Bezirk Thal stellt sich der methodischen Herausforderung, die komplexe wechselseitige Beziehung zwischen den Lebens-, Produktions- und Herrschaftsverhältnissen sowie den Erfahrungen und Verhaltensweisen der Betroffenen angemessen darzustellen. Mit einer historisch-demographischen Untersuchung sowie einer Analyse der sozialen Schichtung und der wirtschaftlichen Entwicklung stehen vorerst strukturelle Themen im Vordergrund. In die anschliessende Untersuchung werden nicht nur die Organisation der Gemeindeverwaltung, inklusive Armenwesen, sondern auch die Netzwerke der Klientelen und der Verwandtschaft und vor allem die Haushalte mit einbezogen. Schliesslich wird auf die Wertmuster, Rituale und Normen eingegangen, die den Alltag im Dorf prägten. Es wird gezeigt, wie die Menschen die geschilderte soziale und wirtschaftliche Entwicklung erlebten und wie sie darauf reagierten; analysiert wird auch die Rolle der katholischen Kirche und der Schule als Sozialisationsinstanzen. Die überschaubare lokale Einheit wird somit zum einen mit der Auswertung von seriellen Quellen und mit Hilfe prosopographischer Verfahren analysiert, zum anderen werden kulturelle Bedeutungen und Möglichkeiten rekonstruiert. Dem Selbstverständnis der mikrogeschichtlichen Forschung entsprechend ist nicht der Untersuchungsgegenstand klein, sondern der Beobachtungsmassstab wird verkleinert. Die Untersuchung fördert denn auch eine Fülle überraschender Detailerkenntnisse zutage. Auf der anderen Seite zeigt sich gerade beim Generalthema der Geschichte Aedermannsdorfs im 19. Jahrhundert, der Verarmung eines grossen Teils der Bevölkerung, dass diese agrarische Gemeinde kein in sich geschlossener, autonomer Mikrokosmos war. Die lokalen Auswirkungen der ökonomischen Krisen hingen aber davon ab, in welcher Weise die Gemeindebehörden, insbesondere im Armenwesen, und die einzelnen Mitglieder der Dorfgemeinschaft auf diese reagierten.
Unterhaltung prägt unseren Alltag und ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Medienereignisse wie 'Big Brother' und 'Music Star', das grosse Interesse am Leben von kleinen und grossen Film- und TV-Stars, der Welterfolg der 'Lord of the Rings'-Filmtrilogie, das Milliardengeschäft mit Computerspielen, die hohen Einschaltquoten von Soapoperas und Krimiserien sowie eine Vielzahl neuerer TV-Formate zeugen davon. Besorgt wird in der Öffentlichkeit vom Leben in einer 'Unterhaltungsgesellschaft' gesprochen, in welcher Information zu Infotainment, Politik zu Politainment und Bildung zu Edutainment wird. Parallel zur zunehmenden Aufmerksamkeit in der öffentlichen Diskussion hat Unterhaltung seit den 1990er Jahren auch als Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung in unterschiedlichen Disziplinen an Stellenwert gewonnen. Die Autorinnen und Autoren aus den USA, Deutschland, Österreich und der Schweiz, aus der Medien- und Kommunikationswissenschaft, Medienpsychologie, Kulturwissenschaft, Filmwissenschaft, Romanistik, Anglistik und Germanistik stellen in ihren Beiträgen unterschiedliche Konzepte der Unterhaltungsforschung vor und untersuchen Formen, Inszenierungsweisen, Rezeption und Wirkungen von aktuellen Unterhaltungsangeboten. Wie fruchtbar der Austausch über Fachgrenzen hinaus ist, erweist sich auch im Gespräch zwischen den Autorinnen und Autoren, das den Band beschliesst.
Ökonomische Phänomene spielen in der Literatur der frühen Neuzeit eine zunehmend wichtige Rolle. Sie begegnen dort aber oft im Modus der Verzerrung. Es interessieren die Möglichkeiten des Täuschens und Trügens; der Camouflage, des Körpereinsatzes. Der ›homo oeconomicus‹ ist ein schelmischer, eine narrative Experimentalfigur, beleuchtet nicht in mittel- oder längerfristigen Zusammenhängen, sondern im Augenblick, im Ereignis, in der Situation. Auch das Geld hat spielerische Züge: ein universales Medium, der Nerv aller Dinge, die Basis der Wunschbefriedigung, ist es ebenso eine Gefahr, eine Plage, ein Hort der Unsicherheit. Den kleinen Transaktionen korrespondieren kleine narrative Formen, gerichtet auf das Okkasionelle, die Kommunikation, die Pointierung. An Schwankromanen und -sammlungen, Faust- und Lalengeschichten kann sich zeigen, wie im Grotesken das schillernde Verhältnis von Ökonomie und Narration je neu verhandelt wird.
Der aus Ungarn stammende Hermann I. Schmelzer (1932−2020) kommt 1968 als Rabbiner nach St. Gallen. Die jüdische Gemeinde wurde seit ihrer Gründung 1863 von Kaufleuten geführt und hatte bis dahin bloss drei Rabbiner. Schmelzer entwickelt eine bewusste Politik kommunaler Selbstbehauptung. Sie soll die Gemeinde nach innen und aussen stärken. Er versteht sich dabei als «Seminarrabbiner». Dieser Rabbinertypus hatte seine Anfänge im 19. Jahrhundert und war die historische Antwort des mitteleuropäischen Judentums auf eine neue gesellschaftliche Herausforderung: den Anbruch der Moderne. Der Rabbiner sollte nicht länger bloss Talmud und Tora kennen, sondern akademisch gebildet sein, um die jüdische Gemeinschaft beim Eintritt in die moderne, verwissenschaftlichte Welt zu unterstützen. So entstanden in Breslau, Berlin, Budapest und anderswo besondere Rabbinerseminare. Die Geisteswissenschaften wurden Teil der rabbinischen Ausbildung und die «Wissenschaft des Judentums» kam auf. Das Buch verknüpft die neuere Vergangenheit der jüdischen Gemeinde St. Gallen mit der Biografie ihres langjährigen Rabbiners. Auf diese Weise leistet es einen detailreichen Beitrag zur Gegenwartsgeschichte des Schweizer Judentums und zum schweizerischen Rabbinat. Es schildert, wie sich der Rabbinerberuf allmählich änderte, indem die Rabbinate der schweizerischen Einheitsgemeinden eine orthodoxe Richtung nahmen. Der europäische Seminarrabbiner verlor an Bedeutung und Schmelzer wurde zu einem der Letzten seiner Art.
Bildungssysteme unterliegen dem historischen Zusammenspiel von Kontinuität und Wandel. Sie weisen zeitspezifische Ausprägungen auf, die nur im Rahmen der jeweiligen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Kontexte zu verstehen sind. Gleichzeitig zeichnen sich Bildungssysteme durch ihren doppelten Auftrag der Überlieferung der Kultur an die heranwachsenden Generationen und deren Vorbereitung auf eine sich verändernde Gesellschaft aus. Als funktionale Teilsysteme einer Gesellschaft wandeln sie sich zwingend mit ihr. Der vorliegende Band zeichnet diese Veränderungen im Raum der deutschsprachigen Schweiz seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert nach. Er thematisiert die Entstehung der komplexen Strukturen der kantonalen Bildungssysteme und den zunehmenden Einfluss des Bundesstaats und zeigt auf, wie der für die Schweiz konstitutive Bildungsföderalismus zwar Bestand hat, aber immer wieder transformiert wird. Die Studie untersucht das Schweizer Bildungswesen über alle Schulstufen hinweg und widmet sich Querschnittsthemen, die im Lauf der Zeit immer wieder neu bearbeitet und verhandelt wurden: Genderfragen und konfessionelle Fragen, Fragen nach dem Verhältnis zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden oder nach den Aufgaben der Schule als gesellschaftliche «Problemlöseagentur».
Schreckliche Morde, schöne Berglandschaften. Thomas Barfuss hat die Geschichte des Kriminalromans in Graubünden geschrieben und seine Geografie erkundet. Er hat mit Autorinnen und Autoren über ihre Motive gesprochen und beleuchtet die engen Verflechtungen zwischen Detektiv und Tourist, Krimi und Kulinarik. Sein Buch ist eine Fundgrube für Krimileserinnen und Krimileser und ein erhellender Forschungsbeitrag zu einem der beliebtesten literarischen Genres. Eine spannende Ermittlung zur Faszination Alpenkrimi in drei Teilen: Den Anfang macht ein illustrierter Führer durch die Bündner Krimiregionen von Chur übers Engadin ins Puschlav, vom Prättigau bis in die Surselva. Erkundet werden Charaktere, Schauplätze und Hintergründe einer mehrsprachigen, überwiegend deutsch bespielten Krimilandschaft. Teil zwei schreibt hundert Jahre Krimigeschichte, vom frühen Detektivroman in den mondänen Kurorten bis zu den heute boomenden Regionalkrimis. Lokale Eigenheiten werden dabei ebenso sichtbar gemacht wie internationale Zusammenhänge. Im dritten Teil fällt der Blick hinter die Kulissen, wo sich Detektiv und Tourist als nahe Verwandte entpuppen. Beschwor der ältere Kriminalroman gerne das Ferne und Fremde, so ist es im Regionalkrimi die Exotik des Nahen, die fasziniert. Neben Naturpark und regionaler Geschichte spielt dabei die Kulinarik eine zentrale Rolle. Das Buch entstand am Institut für Kulturforschung Graubünden.
Der im katholischen Milieu der Innerschweiz sozialisierte und an deutschen Universitäten ausgebildete Theaterwissenschaftler, Dramatiker und Regisseur Oskar Eberle (1902–1956) war eine prägende Persönlichkeit des Schweizer Theaterwesens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er setzte sich für Reformen des einheimischen Laientheaters ein, versuchte Luzern als Aufführungsort nationaler Festspiele zu etablieren und engagierte sich für die Einrichtung einer Ausbildungsstätte für Theaterschaffende sowie eines Dokumentations- und Forschungszentrums. Um als Freiberufler finanziell über die Runden zu kommen, trieb er seine wissenschaftlichen, theaterpraktischen, publizistischen und kulturpolitischen Projekte stets parallel voran. Zu Lebzeiten als Erneuerer des Amateurtheaters gefeiert und mit der Inszenierung von nationalen Festspielen (1939 und 1941) betraut, geriet er im Zuge der wissenschaftlichen Aufarbeitung der eidgenössischen Politik der «geistigen Landesverteidigung» in den Verdacht der ideologischen Nähe zu völkischen und nationalsozialistischen Denkmustern. Für die Studie wurde der umfangreiche Nachlass von Oskar Eberle erstmals aufgearbeitet und im Kontext der Zeitumstände interpretiert. Der Einbezug der Tagebücher, Agenden und Korrespondenzen, die Eberle in den 1920er- bis 1940er-Jahren führte, ermöglicht einmalige Einblicke in die Lebens- und Arbeitsbedingungen, unter denen er seine Werke schuf. Die Monografie bietet eine facettenreiche Gesamtschau, die das bisher in Übersichtsdarstellungen kolportierte Bild in wesentlichen Punkten ergänzt und korrigiert.
Als unheilvolle «Flut» brandet die Tourismuswelle Ende des 19. Jahrhunderts in die Alpentäler hinein. Der 1905 erschienene Roman dramatisiert die Folgen im abgelegenen Weiler Wengen im Berner Oberland: Im Nu werden die einfachen Bergbauern zu stolzen Hotelbesitzern. Doch Spekulationen und rasch gewonnenes Geld entfesseln Streit und Missgunst unter den Menschen; Verlierer sind Natur und Umwelt. Am Ende steuert ein apokalyptischer Feuersturm in die Katastrophe. Jakob Wiedmer-Stern führte kurze Zeit als Direktor das von seiner Frau Marie Stern gegründete Hotel Beausite in Wengen. Er war ein guter Beobachter, der seine genialen Fähigkeiten als Archäologe, Erfinder, Museumsdirektor, Journalist und eben auch als Schriftsteller unter Beweis stellte. Bei seinem literarischen Werk handelt es sich um mehr als blosse Unterhaltungsbelletristik, wenn Wiedmer im Zeichen des Landschafts- und Heimatschutzes seinen Blick zugespitzt auf die Problematik des Tourismus in den Alpen richtet. Geradezu hellsichtig kritisierte er die einseitige Ausrichtung auf den Fremdenverkehr, der dann zu Beginn des Ersten Weltkriegs tatsächlich zum wirtschaftlichen Kollaps führte. Heute, 120 Jahre später, ist die touristische Überflutung der Bergwelt erneut zu einem hochaktuellen Thema geworden.
Albert Minder (1879–1965) hat als Erster in der Schweiz das Leben seiner heimatlosen Vorfahren erforscht und erzählt. Seine Familiengeschichte bietet anschauliche Einblicke in eine nichtsesshafte Kultur und beschreibt die Armut in der Schweiz des 19. Jahrhunderts. Eindringlich und mit Humor erzählt, ist die «Korber-Chronik» ein wichtiges Zeugnis einer literarischen Selbstermächtigung. Sie behandelt so zeitlose und aktuelle Themen wie Herkunft, Familienbande, Arbeit und Armut. Mit Minder lässt sich eine Geschichte der Schweiz «von unten» entdecken: Er gibt fahrenden Heimatlosen und Siedlerfamilien im Berner Seeland eine Stimme, beschreibt aber auch den Überlebenskampf der armen Stadtbevölkerung in Bern und Burgdorf sowie die Arbeitswelt im Gefängnis und in Tabakfabriken. Indem er seine privaten Erinnerungen mit den politischen Ereignissen der Zeit verknüpft; schafft er ein lebendiges Bild des 19. Jahrhunderts. Erstmals 1947 erschienen, wird die «Korber-Chronik» durch diese Neuausgabe wieder greifbar. Ergänzt wird der Band durch Gedichte und einen Auszug aus Albert Minders erstem Buch «Der Sohn der Heimatlosen» von 1926. Ein Stellenkommentar und Nachworte der Herausgeberinnen erschliessen die historischen und biografischen Zusammenhänge. Eine Dokumentation zur Wirkungsgeschichte und zahlreiche Abbildungen runden den Band ab. Dabei erweitert sich das Panorama auf das 20. Jahrhundert: Albert Minder tritt als engagierter Vertreter einer Schweizer Arbeiterliteratur in Erscheinung.
Zwischen November 1988 und Februar 1992 wurden den Drogensüchtigen auf dem Zürcher Platzspitz über 7 Millionen Spritzen-und-Nadelsets und 2 Millionen Zusatznadeln abgegeben; es wurden medizinische Hilfeleistungen, darunter 6700 künstliche Beatmungen, durchgeführt. All dies war staatlich geduldet, obwohl 1975 das schweizerische Betäubungsmittelgesetz verschärft und Besitz und Konsum illegaler Drogen unter Strafe gestellt worden waren.Das Buch beschreibt das Alltagsleben auf dem Platzspitz, das breite Spektrum von Menschen, die sich dort aufhielten. Es erzählt vom Drogenhandel, den wissenschaftlichen Erkenntnissen und von den Reaktionen der Politik und der Medien. Im Schlussteil wird von der langsamen Abkehr von der Repression berichtet, von der Behandlung von Drogensüchtigen mit der Ersatzdroge Methadon und sogar mit Heroin, der Verbesserung der Überlebenshilfe, den politischen Auseinandersetzungen und schliesslich von der Annahme eines neuen Betäubungsmittelgesetzes durch das Stimmvolk im Jahr 2008. Den Text ergänzen eindrückliche Fotos von Gertrud Vogler.
Ein Afrikaner aus Aného (Togo), Schausteller von Beruf und nicht mehr ganz jung, zieht mit seinen vier Ehefrauen und einer Showtruppe zwanzig Jahre lang durch Europa. Dabei ist es ihm gelungen, sich von seinem deutschen Impresario zu befreien und das Unternehmen selbständig zu führen, bis zu seinem Tod am 3. März 1919 im Kaukasus. Auf dieser über zwanzig Jahre dauernden Reise werden dreizehn Kinder geboren. Teils sind sie mit der Truppe unterwegs, teils bei wohlhabenden Pflegeeltern oder in christlichen Heimen aufgewachsen, in Deutschland und in Russland. Nationalsozialismus und Kommunismus, afrikanische Befreiungsbewegungen hinterlassen in ihren Lebensläufen Spuren. Das Buch erzählt, wie die Tournee sich abspielte, aus welchen Verhältnissen Nayo Bruce stammte und was aus seinen Kindern und Kindeskindern geworden ist – in Europa und in Afrika. In einer Übersicht sind 222 Tourneestationen des J. C. Nayo Bruce aus mehr als einem Dutzend europäischer Länder nachgewiesen, davon rund hundert in Deutschland, zwanzig in der Schweiz und zehn in Österreich. Die Aufführungen spielten an sehr unterschiedlichen Schauplätzen: im Panoptikum von Berlin, am Münchner Oktoberfest im Konzerthaus Hamburg, Velodrom Frankfurt, auf der Vogelwiese in Dresden, im Reichshallentheater Düsseldorf, im Metropol-Theater Weimar, an der Kolonialausstellung Eisenach, im Tiergarten von Königsberg, an der Foire du Midi in Brüssel, an der Esposizione nazionale in Turin, in der Tonhalle von Zürich, in der Konzerthalle St. Leonhard in St. Gallen, an der Landwirtschaftsausstellung in Bratislava, am Herbstmarkt in Rouen, aber auch in vielen Kleinstädten wie Konstanz, Wittenberg, Flensburg oder Ascherleben.
Im Zuge der Industrialisierung wurde die Schweiz im späten 19. Jahrhundert zum Einwanderungsland. Mit dem massiven Zuzug italienischer Arbeitskräfte entstand eine doppelte Diaspora – kulturell und konfessionell –; die kirchliche Antworten forderte. Anhand umfangreicher Quellen aus der Schweiz, Italien und dem Vatikan untersucht die Studie, wie kirchliche Akteurinnen und Akteure auf die Migration reagierten und welche religiösen, politischen und sozialen Interessen ineinandergriffen. Es wird analysiert, wie der Schweizerische Piusverein und später das Hilfswerk des Bischofs von Cremona, Geremia Bonomelli, Strukturen für die Betreuung italienischer Migrantinnen und Migranten aufbauten, welche Interessen sie verfolgten und wo ihre Handlungsgrenzen lagen. Deutlich wird, wie die Migration das Spannungsverhältnis von katholischer und italienischer Identität im Kontext der Nationalstaatsbildung und der römischen Frage zuspitzte. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Missionaren, deren Engagement zwischen Seelsorge, sozialen Aufgaben und kirchlicher Disziplinierung oszillierte – und die im Sog der Auseinandersetzungen um Modernismus und Antimodernismus in Konflikte gerieten. Eine Fallstudie zu Luzern verknüpft makrohistorische Entwicklungen mit mikrohistorischen Perspektiven und verdeutlicht, wie sich diese Verbindungen im Alltag widerspiegelten.
Eine Wiederentdeckung: Der amerikanischdeutsche Schriftsteller Herman George Scheffauer (1876–1927) gehörte im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts zu den bekannten Figuren der Literatur und Kultur – zuerst in San Francisco und Kalifornien, dann in London, schliesslich in Berlin. Lyriker, Dramatiker, Journalist und Polemiker, nutzte er virtuos die verschiedenen Genres und Medien seiner Zeit und nahm in stilistisch eindringlicher, analytischer wie poetischer Weise zu vielen zentralen Bereichen und brennenden Fragen Stellung: zur gegenwärtigen Kultur und Politik, Literatur, Architektur und Kunst, gesellschaftlichen wie ästhetischen Entwicklungen. Der vorliegende Band bietet erstmals einen repräsentativen Einblick in Scheffauers essayistisches Werk: 70 substanzielle Beiträge, ergänzt durch ausführliche Einleitungen und eine Dokumentation im Anhang zur Zusammenarbeit Scheffauers mit Thomas Mann.
Die Brauerei Haldengut prägt Winterthur bis heute. Weniger bekannt ist ihr Direktor Fritz Schoellhorn (1863–1933); der im schweizerischen Brauwesen eine wichtige Rolle gespielt hat. Das Neujahrsblatt 2025 der Stadtbibliothek zeichnet die Geschichte des Biers in Winterthur nach und nähert sich Fritz Schoellhorn als Patron, Bürger; Familienvater und Verfasser verschiedenster Publikationen an. Wie konnte eine mitten in den Weinbergen gelegene Brauerei die Winterthurer Bevölkerung zum Bierkonsum bringen? Wie kam ein Winterthurer Bierbrauer zum ETH-Ehrendoktortitel? Und wie steuerte er seinen Betrieb durch die Verheissungen der Industrialisierung, durch Arbeitskämpfe, Aktionen der Antialkoholbewegung und die Umwälzungen des Ersten Weltkriegs?Der Patron Fritz Schoellhorn (1863–1933) hat nicht nur die Winterthurer Brauerei Haldengut zum Erfolg geführt; sondern im ganzen schweizerischen Brauwesen eine wichtige Rolle gespielt. Er erforschte das Brauen aus naturwissenschaftlicher Sicht und entwickelte es vom Handwerk zur Technologie. Dabei blieb er auch von Rückschlägen und Unglücken nicht verschont. Im Neujahrsblatt steht die Figur Schoellhorns im Zentrum, das Buch erzählt aber auch allgemein die Geschichte des Biers in Winterthur von den Anfängen bis in die Gegenwart. Fotografien aus Privatbesitz öffnen ein Fenster in die Zeit zwischen 1880 und 1930.