Zunächst einmal eine konkrete Vorbemerkung: dies ist kein Mikroskop für Anfänger. Man sollte schon etwas Erfahrung damit haben, damit das Köhlern des Mikroskops funktioniert.
Wie mein Vorbewerter bereits anmerkte, gab es bei ihm einige Transportprobleme, die scheinbar größtenteils behoben wurden. Aber auch bei mir kam erst einmal der Kondensator mit einem separaten Ring entgegen. OK, da ich mit diesen Geräten lange Jahre Erfahrung hatte, war es jetzt nicht das Problem.
Was mir nach dem Zusammenbau direkt auffiel: der Kreuztisch ließ sich nicht bewegen- dafür lag ja auch ein roter Zettel in der Verpackung, es waren Transportschrauben zu lösen! Danach ließen sich alle Teile super bewegen, Kondensor, Scharfstellung, Kreuztisch, die Blenden, alles ohne Probleme. Möglicherweise hatte der andere Bewerter eine Retour erwischt, bei der der Kreuztisch mit Transportsicherung gewaltsam bewegt wurde. Darf aber in der Endkontrolle und dem Weiterverkauf nicht passieren.
Jetzt kommt aber der Punkt, weshalb ich sage, es braucht eine gewisse Vorkenntnis: der Kondensator musste jetzt zentriert werden und das Mikroskop neu geköhlert werden, damit das Mikroskop sein Können zeigen kann. Dieser Vorgang muss sicherlich auch in regelmäßigen Abständen wiederholt werden. Hier wird die Beleuchtung mit Kollektorlinse, Leuchtfeldblende, die Höhe und Zentrierung des Kondensators eingestellt und mit der Aperturblende der Kontrast eingestellt. Das ließt sich in einigen Anleitungen sehr einfach, als Anfänger sollte man aber jemanden fragen können. Das ist auch kein Vorgang, der nur einmal im Leben eines Mikroskops gemacht werden muss. Nur die kleineren Kursmikroskope oder Juniormikroskope sind so fest eingestellt, dass diese Feinjustierung nicht möglich ist. drum auch der geringere Preis.
Dann kam der Augenblick: ich habe früher in der Tierpathologie gearbeitet und besitze daher noch in Kunststoff eingebettete Gewebeproben mit entsprechenden Schnitten. Die ersten Durchblicke zeigten ein glasklares Bild, was an Schäfe und Helligkeit nicht zu bemängeln war. Die Farben zeigten sich natürlich, HE war entsprechend klar zu definieren. Ein Nativpräparat einer Urinprobe mit Kristallen zeigte ein umwerfendes Bild, es war in der 400fachen Vergrößerung deutlich 3dimensional, wenn die Aperturblende benutzt wurde.
Morgen wird es dann hoffentlich die Zubehörteile für meine Canon EOS geben und die ersten Bilder zeigen. Mitte März soll es dann noch einen weiteren Adapter mit Zwischenlinse geben. Ich bin gespannt und werde berichten.
Bis jetzt für mich als Tierarzt und in Zytologie und Pathologie interessierter ein in dieser Preisklasse hervorragendes Produkt. Wie gesagt, 1 Stern Abzug, weil der Kondensor weiterhin lose in der Verpackung lag.
Für ein gutes Mikroskop musste man immer schon tief in die Tasche greifen. Und aufgrund des Material-Mixes aus Metall, Glas, Kunststoff und Elektrik wird sich daher auch in Zukunft nichts ändern, da schließlich jeder Zulieferer verdienen möchte.
Umso bemerkenswerter ist es, wenn eine alt eingesessene, deutsche Firma es schafft - trotz Auslagerung einiger Komponenten nach Fernost - wertige Produkte zu präsentieren, die preislich unterhalb der Oberklasse angesiedelt sind.
Chapeau, liebe Fa. Bresser!
Nachdem dies aber kein Märchen, sondern ein Erfahrungsbericht werden soll, kommen wir jetzt zu den etwas unangenehmeren Eindrücken der letzten Tage:
1) Obwohl das Mikroskop im Doppelkarton nochmals in einen dritten Überkarton (eiernd und schlampig gedämmt!) verpackt wurde, kam es nicht unbeschadet an.
Der Kondensor hatte sich trotz Styroporblocks beim Transport aus der federnden Halterung gerissen und kullerte lose herum, ebenso ein Ring anscheinend aus der Unterseite des Kondensors. Bei einer ersten Überprüfung war jedoch glücklicherweise nichts beschädigt.
2) Wäre alles nicht so schlimm, wenn die liebe Fa. Bresser eine ordentliche Produktbeschreibung mit detaillierter Teilebezeichnung verfügbar hätte. Aber der beiliegende "Wisch" ist bestenfalls was für Grenzdebile. Sogar die Einzelteile sind auf einer anderen Seite als die Beschreibung bedruckt. Das schaffen die in Hongkong schon besser!
3) Die Links-Rechts-Verstellung des Kreuztisches funktionierte nicht, weil das Seil offensichtlich durch Stoß/Fall am Transportweg aus der Feder und in weiterer Folge aus der Messing-Umlenkrolle gesprungen ist.
Auch für geübte und erfahrene Bastler eine Aufgabe mit zahlreichen Versuchen über Stunden, um das zu beheben. Wie auch immer, das Ersatzmikroskop wäre vielleicht noch schlimmer gewesen.
4) In den Strahlengängen sind mehrere(!) schwarze Abplatzungen des Lichtschutzlackes im Sehfeld vorhanden, die das Sichterlebnis negativ beeinflussen. Anscheinend auch eine Folge des Transports...
5) Das 4x-Objektiv hat einen feinen, das Bild anscheinend nicht beeinträchtigenden, aber doch sichtbar vorhandenen Kratzer auf einer Innenlinse. Sollte bei der Endkontrolle eigentlich auffallen.
Nach Stunden von Internetrecherche und Tüftelei/Bastelei erfolgte schließlich der erste Blick durchs Okular.
Und was soll ich sagen: Das Ergebnis war wirklich zufriedenstellend!
Die Pluspunkte dieses Mikroskops sind mE:
+) sehr gut auskorrigierte Plan-Achromaten
+) butterweiche Verstellwege am Kreuztisch
+) präzise Grob- und Feinfokussierung
+) gute Köhlersche LED-Beleuchtung
+) solide, weitgehend verwacklungssichere Ausführung (mit einigen Abstrichen, s.o.)
+) moderater Preis
Für alle, die es benötigen, gibt es extra noch jede Menge kompatibler Mikroskopkameras und einen Dunkelfeldkondensor trocken, sowie einen Smartphone-Adapter.
In Summe macht das BRESSER SCIENCE INFINITY also einen hervorragenden Eindruck, wenn man von einigen kleinen Schwächen absieht:
-) kein kompatibler DF-Kondensor für Öl-Objektive, wie das 100x
-) kein Apochromat erhältlich
-) kein Kameradapter für Canon- oder Nikon-AF
-) kein LED-Tausch in Eigenregie möglich, da verschweißt
-) keine Möglichkeit es auf Phasenkontrast umzurüsten (Licht zu schwach, etc.)
Wer das weiß und damit leben kann, ist also erstklassig bedient.
Für alle anderen gibt's die Oberklasse, samt Kreditantrag bei der Bank. Da wird es nämlich schnell fünfstellig...
4 Sterne halte ich für fair bewertet, exakt wären 4,3 zu vergeben.
Angesichts des Preises auch eine klare Kaufemphehlung!
DOWNGRADE vom19.1.2021:
Leider muss ich aufgrund der Erfahrungen der letzten Wochen ein deutliches Downgrade auf zwei Sterne vornehmen. Die Gründe dafür sind:
Bei aller Nachsicht ist die mechanische Konstruktion des Kreuztisches eine Katastrophe!
Nach nicht einmal einem Jahr lockerten sich die Kugelschienen der horizontalen Führung derart dramatisch, dass kein scharfes Bild mehr über den gesamten Bereich einstellbar war. Die Bildebene war derart schief verlagert, dass nur mehr ca. 25% scharf abbildbar waren.
Eine Arretierung der jeweils vier Halteschrauben links und rechts brachte zwar eine mechanische Verbesserung, jedoch war damit keine Bildfeldebnung mehr erreichbar.
Durch asymmetrisches Lösen und wieder Anziehen der Befestigungsschrauben des Tisches war eine leichte Verbesserung möglich.
Erst eine einseitige Kunststoffunterlage mit 0,5mm brachte ein akzeptables Bild zustande.
Nun stimmte aber die Einstellung der Begrenzungsschraube nicht mehr und musste nachjustiert werden, um eine Kollision mit Präparateglas bzw. auf der anderen Seite mit dem 100x-Objektiv zu verhindern. Ein Horror!
Jeder feinmechanisch weniger Begabte und Ausgerüstete ist komplett aufgeschmissen. So etwas darf einfach nicht sein, Sorry!
Bei allen Verpackungsteilen waren zuvor vorhandene Etiketten zur Unkenntlichmachung mehrfach überklebt, bei den Styroporverpackungen die verbogenen Deckel mit schlampig angebrachtem, massivem Klebeband-Einsatz "passend gemacht", und das Imersionsöl großenteils ausgelaufen und damit die beiliegende Mikroskop-Schutzhülle verklebt.
Am Gerät selbst und den Einzelteilen waren aber keine Gebrauchsspuren erkennbar, alles funktioniert ohne Beanstandung, daher nicht retourniert. Bei "Neuware" erwarte ich jedoch unbeschädigte Originalverpackung, daher zwei Punkte Abzug.
Das Mikroskop kam sehr gut verpackt bei uns an. Beim auspacken war ein doppelter Karton zu sehen, der auch Stößevon Außen standhält. Die Teile waren einzeln verpackt und hatten teilweise noch Noppenfolie herum. Einfach gut. Das Mikroskop selbst, beim ersten hindurchgucken, ein Traum.Klar, scharf und eine großes Sichtfeld machen das mikroskopieren zur Freude. Ich würde das Mikroskop immer wieder kaufen. Klare Kaufempfehlung.